Was du mit der Wohnsituation der Babyboomer zu tun hast: 5 Fragen an Ursula Spannberger und Sonja Schiff

Die Gute Güte

 

Was, wirst du jetzt vielleicht fragen, die Güte erzählt uns etwas über Wohnformen für die Lebensjahre 60+? Als Internet-Tante, die grade erst die 30 hinter sich gebracht hat? Ja, das tu ich, denn: Auch für unsere Generation ist es wichtig, sich mit den künftigen Wohnformen unserer Elterngeneration auseinanderzusetzen. Außerdem wurde konkret zu diesem Thema jüngst papierene Unterstützung mit Salzburger Absender veröffentlicht. Die Architektin Ursula Spannberger hat sich gemeinsam mit Alternswissenschafterin Sonja Schiff ausführlich Gedanken über Wohnformen 60+ gemacht und Expertise sowie gemachte Erfahrungen in das Buch “Babyboomer aufgepasst: Jetzt das Wohnen für später planen” gegossen. Doch was nun vielleicht nach Treppenlift und betreutem Wohnen klingt, sieht für unsere Elterngeneration ganz anders aus: Die Generation der Babyboomer fühlt sich agil und junggeblieben, wie keine vor ihr und hat miterlebt, wie ihre eigenen Eltern sich viel zu spät Gedanken über ihre Wohnsituation im Alter machten – mit Folgen.

 

So sind die bei einem Glas Wein geäußerten Pläne unter Freunden „wenn wir mal alt sind, dann ziehen wir zusammen in ein Haus“ für die Generation Babyboomer nicht mehr bloß daher gesagte Ideen, sondern durchaus ernst gemeinte Visionen eines Alterns in Gemeinschaft.

 

Trotzdem besagt eine aktuelle Studie des IMAS-Instituts im Auftrag des Seniorenbundes, dass 84% der Menschen ihre Wohnsituation mit dem Pensionseintritt nicht verändern. Veränderungen finden erst statt, wenn sich gesundheitliche Faktoren bemerkbar machen und zum Handeln zwingen.

Wie es anders geht – und welche wichtigen Fragen sich bezüglich des Wohnens in den Jahren 60+ stellen, haben mir Ursula Spannberger und Sonja Schiff im Interview verraten.

Wie unterscheidet sich eine altersgerechte Wohnung von anderen Wohnformen?

U&S: Eine Wohnung, die im Alter bewohnt werden soll, ist im Idealfall einfach unkompliziert und komfortabel. Das betrifft sowohl die Erreichbarkeit (z.B. Lift, Öffis, Nahversorgung, Parks, Kultur, etc.), als auch die Größe sowie die räumliche Aufteilung und Ausstattung der Wohnung. Wohnen soll Freude und nicht Mühe machen, deshalb ist es auch wichtig, dass die Größe den tatsächlichen Bedürfnissen angepasst ist.

Wenn man ans Wohnen für Senior*innen denkt, stehen den meisten Menschen Treppenlifte und Griffe an der Badewanne vor Augen. Man denkt an die Bedürfnisse von wirklich hochbetagten und pflegebedürftigen Menschen. Doch was ist mit der Zeit davor, zwischen etwa 60 und 85? Das sind 25 Jahre Lebenszeit – also etwa gleich viel wie die Zeit, die man im Leben mit den Kindern im gleichen Haushalt verbringt – die in den Planungen und Überlegungen oft gar nicht vorkommen.

Die Gesellschaft wird immer älter, dadurch ändert sich der Bedarf an Wohnraum. Was ist eure Einschätzung: Werden unsere Städte in einigen Jahrzehnten anders aussehen als heute?

U&S: Ja, auf jeden Fall.

Städte werden in Zukunft wieder fußgeherfreundlicher werden. Der Radius von älteren Menschen ist kleiner und näher an der Wohnung, wenn z.B. nicht mehr in die Arbeit gefahren werden muss. Wichtig ist eine einladende Umgebung, die einen innerlich bewegt und interessiert – und daher auch in äußerliche Bewegung bringt – für Jung und Alt, mit viel Grün.

Anziehungspunkte und Verbindungselemente, Möglichkeiten, irgendwo einzukehren oder sich einfach kurz hinzusetzen und auszuruhen. Ein Mittel dazu sind auch belebte Erdgeschoßzonen für die Allgemeinheit. Ein gutes Beispiel dafür ist das Sonnwendviertel-Ost in Wien.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, über altersgerechtes Wohnen nachzudenken?

U&S: Ungefähr mit 60 Jahren. Wichtiger als das Lebensalter sind aber bestimmte Umbruchsphasen, wie zum Beispiel der Auszug der Kinder oder der Eintritt in die Pension, heute oft einhergehend mit einer neuen/anderen Art von Arbeit (neue Selbständigkeit, Ehrenamt, etc.).

Durchschnittliche Leser*innen dieses Blogs sind die Kinder der Generation Babyboomer: Können wir etwas dazu beitragen, dass unsere Eltern die richtige Wohnform für sich finden?

U&S: Die richtigen Fragen stellen! Das Thema „ihr werdet älter“ ist in vielen Familien ein richtiggehendes Tabu. Dieses aufzubrechen und darüber zu reden, ist sehr wichtig.

Ein Weg ist, dass die Kinder ihre Bedürfnisse äußern, bzw anfangen, von sich und ihren Zukunftsplänen zu erzählen. Wir haben z.B. erlebt, dass die Eltern das große Haus für die Kinder und Enkelkinder bewahren wollten, die aber gar nicht mehr am selben Ort leben und auch nicht planen, dahin zurück zu kommen. Oder genau umgekehrt: junge Familien, die dringend diesen Wohnraum brauchen könnten, den ihre Eltern ‚besetzen‘ und nicht frei geben können obwohl sie ihn gar nicht mehr ausfüllen und genießen können.

Welche drei Tipps würdet ihr jemandem mitgeben, der/die damit beginnt, sich über Wohnen im Alter Gedanken zu machen?

U&S: Am besten geht man in diesen 3 Schritten vor:

Erstens: Mit offenen Augen betrachten, wie man im Moment lebt: Was läuft gut? Wo fühle ich mich behindert? Was würde ich gerne ändern?

Zweitens: Die vergangenen Wohnstationen betrachten. Wie habe ich als Kind gelebt? Was war mir immer wichtig? Welche Träume sind noch ungelebt?

Drittens: Eine Vision erschaffen: Was habe ich für ein Bild von mir in 5, 10, 15, 20 Jahren? Wie stelle ich mir das Wohnen später vor? Was kann ich jetzt schon ändern? Welche Pläne geben für den Fall der Fälle Sicherheit?

Diese drei Schritte werden auch in unserem Buch ‚jetzt das Wohnen für später planen“ ausführlich beschrieben und angeleitet. Ebenso findet man darin einen Selbsttest um spielerisch herauszufinden, welcher Wohntyp man ist.

Das Buch “Babyboomer aufgepasst: Jetzt das Wohnen für später planen” von Ursula Spannberger und Sonja Schiff ist im Colorama Verlag Salzburg erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Titelbild von Nathan Fertig via Unsplash – vielen Dank!

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