Liebes Ökopublikum, du führst dich selbst ad absurdum.

 

Ich bin jene Person im Freundeskreis, der das körnerfressende Öko-Image anhaftet. Ich schimpfe Freunde, die im Februar Erdbeeren einkaufen, rolle mit den Augen, wenn jemand sinnlos Müll produziert oder trendige Superfoods aus dem Regenwald in sich hineinwürgt und predige seit Ewigkeiten die Vorzüge des Öko-Leinenhandtuchs aus dem Mühlviertel. Drum liegt es mir auch besonders am Herzen, ein bisserl was von dieser Konsumeinstellung auch auf diesen Blog zu übertragen. Aber wisst ihr, was mir außerdem am Herzen liegt? Ein gesunder Pragmatismus. Und zu diesem möchte ich euch heute etwas erzählen.

Wir wissen es alle. Um den Planeten nicht völlig in die Tonne zu treten, sollten wir und alle ein bisserl mehr zusammenreißen. Mehr mit dem Rad fahren und ein bisserl weniger nach Thailand fliegen, weniger beim Fast Fashion-Giganten und mehr beim Greissler ums Eck einkaufen, weniger blutige Steaks und dafür mehr Karotten konsumieren und insgesamt nicht ganz so viel Plastikmüll produzieren. Nur: Die Umsetzung all dessen ist oft umständlich, unangenehm und vor allem: unbequem. Macht es Spaß, bei Hagelsturm das Auto stehen zu lassen? Nein. Ist es praktisch, den neuen Wintermantel nicht einfach im nächsten Einkaufszentrum erstehen zu können? Natürlich nicht. Und was noch dazu kommt: Die allermeisten dieser Nachhaltigkeits-, Klima- und Müllproblematiken sind so komplex, dass sie sich, bei aller Freundschaft und bei allem guten Willen, nicht auf einfache Merksätze reduzieren lassen.

Gerade deswegen finde ich es immer richtig, richtig begrüßenswert, wenn sich Personen oder sonst irgendwelche Entitäten merkbar bemühen, ihre Nachhaltigkeitsstandards zu erhöhen. Versuchen, weniger mit dem Auto zu fahren. Den nächsten Fast Fashion-Trend einfach auslassen. Mehr Bio einkaufen. Den Berg an Plastikmüll im Haushalt kritisch beäugen. Und: Ich finde es auch meist gut, wenn große Marken umweltverträglichere Alternativen zu bereits etablierten Produkten einführen. Etwa Eier aus Bruder-Hahn-Haltung, Gemüse ohne Plastikverpackung oder, wie im jüngsten Fall, festes Shampoo ohne Plastikflasche drumherum. Der Grund: So werden jene Produkte, auch wenn sie nicht in jeder Hinsicht perfekt sein sollten, für ein breiteres Klientel verfügbar und einem Publikum, das mit gewissen Themen noch nicht in Berührung gekommen ist, werden Problematiken erst aufzeigt.

Es ist ein Gedankenexperiment wert, was das mit anderen, weniger bewanderten Konsumenten macht.

Aber wisst ihr, wem das oft gar nicht gefällt? Einem gewissen, aufgeklärten Öko-Stammklientel, dem keine, wie auch immer geartete Maßnahme weit genug geht und keine Bemühung ernsthaft genug zu sein scheint. Und dieses kann in sozialen Medien richtig, richtig unangenehm werden. Seien es gehässige Kommentare, wenn bei einem Kosmetikprodukt die Verpackung ökologisch verträglicher wird, der Inhalt aber konventionell bleibt oder sei es klassischer Whataboutism, wenn eine Biomarke Produktionsstandards erhöht – die Botschaft ist meist die selbe: Nice try, aber das Produkt ist trotzdem mies.

Warum mir das Bauchweh macht? Nicht, weil ich die dahinterstehenden Marken in Schutz nehmen will, sondern weil es ein Gedankenexperiment wert ist, was das mit anderen, weniger bewanderten Konsumenten macht. Bei Personen, die weniger gut drüber informiert sind, warum eine Verpackung problematisch sein kann oder welche Praktiken vermeidbar sind und diese Kritik nicht interpretieren können, bleibt wohl nur eines hängen: Die sagen, das ist schlecht, also kauf ich es nicht und bleibe bei den, was ich bisher konsumiert habe. Dem Shampoo in der Plastikflasche, der konventionellen Milch – die oft von vorneherein keine Kritik abbekommen.

Und auch auf der persönlichen Ebene passiert ähnliches. Bemüht sich jemand, öfter auf das Auto zu verzichten, besteigt dann aber einen Urlaubsflieger, hagelt es hämische Kommentare. Möchte jemand verstärkt faire Mode kaufen, ersteht den neuen, notwendigen Wintermantel aus Zeitgründen aber trotzdem bei H&M, sind die Seitenhiebe nicht weit. Und: Das “Kastensystem” innerhalb der veganen Gemeinschaft, wo es immer “noch” veganer geht und geringere Mitglieder gern angeekelt werden, muss hier wohl nicht näher erklärt werden.

Ist es nicht völlig in Ordnung, sich Schritt für Schritt vorzutasten?

Warum mich das aufregt? Einerseits, weil sich um Nachhaltigkeit bemühte Damen und Herren auf diese Art und Weise nur gegenseitig demotivieren und andererseits, weil man einem 100%-Anspruch wohl in den seltensten Fällen gerecht werden wird. Muss man wirklich auf Anhieb einen Marathon laufen, muss man sich im nachhaltigen Leben unbedingt messen und es zu einem Leistungssport hochstilisieren? Ist es nicht völlig in Ordnung, sich Schritt für Schritt vorzutasten? Für den Anfang mal einen Lebensbereich in Angriff zu nehmen? Und: Mit diesem Verhalten werden die Hürden für all jene, die sich latent für einen ökologischeren Lebensstil interessieren, aber oft nicht die Zeit und Ressourcen haben, auf Anhieb ihr ganzes Leben umzukrempeln, ungleich höher. Kurz gesagt: Man bekommt den Eindruck, es gehe den kritischen Stimmen nicht darum, für positive Veränderung einzustehen, sondern eher darum, die eigene Überlegenheit zu Schau zu stellen.

Was mir stattdessen lieber ist? Ein gesunder Pragmatismus. Ich kaufe Erdbeeren im Februar und mache dafür bewusst eine Flugreise weniger. Ich gönne mir Avocados zum Frühstück, greife dafür aber zu Bio-Ware und fahre mit dem Rad zum Supermarkt. Ich erlaube mir weiterhin, Fast Fashion zu kaufen, shoppe in Zukunft aber auch in Second Hand-Läden. Ich bringe meine Kritik an Produkten, die Verbesserungen zu herkömmlichen Konsumoptionen bringen, so vor, dass ich den Effekt auf andere mitbedenke. Und ich äußere mich wertschätzend, wenn sich jemand in meinem Umfeld bemüht, nachhaltiger zu leben.

Oder im biblischen Sinne: Wer unter euch ohne Konsumsünde ist, der werfe den ersten Stein!

 

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