Warum ich keinen Sommerurlaub mehr mache

 

Ich bin wahrscheinlich ein seltsames Individuum, was Reisen anbelangt. Und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Erstens: Wenn ich an Sommerurlaub und ans Verreisen denke, fällt mir Strandurlaub wahrscheinlich als allerletztes ein. Ich kann schlicht nicht nachvollziehen, was daran erstrebenswert sein soll, in einer Panier aus Sonnenmilch, Sand, Salz, Chlorwasser und Schweiß an einem überfüllten Strand in der Sonne zu braten. Oder warum ich Hunderte von Kilometern zurücklegen soll, um mein Dasein auf einer Liege unter einem Sonnenschirm zu fristen. Ist das nicht unangenehm, ist das nicht fad? Ich werde es wohl nie wissen.

Warum ich diese Freuden nicht nachvollziehen kann? Einerseits, weil ich, wenn ich schon ein paar Stunden im Auto, im Flugzeug oder auf Schiene verbringe, zumindest ein bisschen was von dem Ort mitbekommen möchte, an den ich mich begeben hab – und das nicht unbedingt bei 35 Grad im Schatten. Und andererseits, weil es mir noch nie so richtig eingegangen ist, warum man zum Badeurlaub an einen Touristenstrand fährt, wenn man alteingesessene Sommerfrische-Destinationen direkt vor der Nase hat. Vielleicht ist dies darin begründet, dass ich an einem Salzkammergutsee aufgewachsen bin, der a.) ständig zum Baden verfügbar war und b.) gatschfreie Trinkwasserqualität hat und c.) an dem ich genug Fleckchen kenne, an denen man „den Leuten“ auch im Hochsommer recht gut auskommt. Oder ich bin einfach nur fehlgeprägt, weil ich die Gnaden des Badeurlaubs nicht zu schätzen weiß.

Wobei: Mittlerweile bin ich der Sommer-Vereiserei so überdrüssig, dass ich sie mir vollends spare. Die diesbezügliche Erleuchtung widerfuhr meiner besseren Hälfte und meiner Wenigkeit vor rund drei Jahren im Rahmen eines August-Städtetrips nach Prag. Ernsthaft: Ich hatte noch die so viele Menschen auf einem Haufen gesehen. Und nachdem ich Menschenmassen, deren Teil man ja auch selber ist, ebenso scheue wie Lärm, war jene Reise für mich eine, naja, nicht ganz so angenehme: ewiges Anstehen vor Museen, so viel Gedränge auf der Karlsbrücke, dass die Statuen für kleine Menschen schier unsichtbar waren, ewige Suche nach freien Kaffeehaustischen und keine ruhige Minute, in der man nicht von einer Reisegruppe umgerannt worden wäre. Und da dachten wir so bei uns: Warum machen wir eigentlich immer wieder den Fehler, in der Hauptsaison zu verreisen, wenn wir doch jede Gelegenheit hätten, unsere Urlaubszeit in die Off-Season zu verlegen?

Fährt man nämlich im Februar nach Sizilien, gibt es dort grüne Hänge, blühende Mandelbäume und angenehme Menschenfreiheit. Fährt man im Oktober nach Irland, kurvt man im einzigen Auto weit und breit über die Sky Road. Im Jänner lassen sich die wunderbarsten Fotos am menschenleeren Markusplatz im venezianischen Abendnebel machen. Und begibt man sich im November nach London, ist sogar in der Oxford Street etwas weniger los. Und im Sommer? Da gibt es weiterhin die Salzkammergutseen (PS: nach 17.30 Uhr ans Wasser, dann sind die Tages-Badegäste weg) und Balkonien, nahe Ausflugsziele und Urlaub daheim. Oder kleine, nahe Reiseziele, die nicht die Aura von Rom, Paris und Mailand besitzen, dafür auf ihre eigene Art charmant und sehenswert sind.

Klar, die antizyklische Urlaubsoption besteht nicht für Lehrerinnen und Lehrer oder Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Solange ich mich aber in der glücklichen Lage befinde, werde ich sie wahrnehmen und möchte sie nicht mehr missen. Nur heuer, heuer brechen wir mit unseren Grundsätzen und fahren im August zur Architekturbiennale nach Venedig. Und werden schon sehen, was wir davon haben.

 

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