Warum ich Minimalismus für Augenauswischerei halte

 

Ok, ich muss hier zu Beginn eines klarstellen: Im Grunde bin ich ein großer Fan davon, das eigene Leben etwas minimalistischer zu gestalten. Weniger Zeug, weniger Konsum, weniger Müll, weniger Schaß, den man irgendwann in ein schon völlig übervolles Schubladl räumen muss (dessen Inhalt eh schon aus allen Ritzen quillt und wo sich immer, immer wieder dieser eine Schöpfer verklemmt). Und ich finde die Tatsache recht begrüßenswert, dass das etwas minimalistischere Leben mittlerweile auch in der Popkultur angekommen ist, inklusive Bibeln und Säulenheiliger, die im Anlassfall gerne zitiert werden. Nur: Ab und zu stehe ich vor entsprechenden Pinterestboards, vor Youtubevideos und vor Personen im erweiterten Bekanntenkreis und muss mich ein wenig am Kopf kratzen. Aus Gründen.

Minimalismus als Leistungssport

Klar, es geht mir schon ein, dass ein sich Loslösen von materiellen Besitztümern sehr befreiend ist, ich betreibe es teilweise auch selbst. Und der Verzicht auf Materielles hat schließlich in diversen Kulturen eine lange Tradition im spirituellen Sinn, aber: Wann hab ich eigentlich den Moment verpasst, in dem Minimalismus zum Leistungssport geworden ist?

Man bekommt oft den Eindruck, es geht selbst ernannten Digital-Minimalisten in ihrer Suche nach materieller Selbstoptimierung darum, sich gegenseitig zu übertrumpfen, oder besser gesagt: sich gegenseitig zu unterbieten. Da findet man Capsule Wardrobes mit NOCH weniger Teilen, Küchenausstattung mit NOCH weniger Utensilien und wer will, kann sein gesamtes Materielles Leben in eine NOCH kleinere Tasche packen. Kurz: Wer mit noch weniger auskommt als sein Vorposter, lebt, so der implizierte Ethos, noch optimaler, noch bescheidener, noch besser.

Für mich hat dies alles zwei Beigeschmäcker. Erstens: der Zwang zur Selbstoptimierung, der auch im Weniger zum Stress wird und der von Alexandra Schwartz im New Yorker eindringlich beschrieben wird. Zweitens: jener, der „New Year, New Me“-Fitnessstudio-Mitgliedschaft vom Jahresanfang. Man wirft in einem Anfall von Selbstverbesserungs-Optimismus alles aus dem Fenster, was nicht auf die Pinterest-Liste passt, ohne dabei so ehrlich zu sein sich eingestehen zu können, dass man ohne Kaffeemaschine wohl doch nicht durch den Alltag kommt. Dass man es doch nicht schafft, mit nur drei T-Shirts angezogen zu sein. Dass man die eben weggeworfenen Marmeladengläser im Herbst dann doch wieder brauchen wird. Und, dass die teure Fitnessstudio-Mitgliedschaft im Endeffekt wohl doch nicht genützt wird. Und genau in diesem Moment springt die Konsumgesellschaft wieder in die entstandene Lücke.

Minimalismus als Konsumausrede

Bei jedem Ding, das man wegwirft, besteht für uns schließlich immer noch die Sicherheitsleine für den Ernstfall: “Zur Not kauf ich es halt neu”. Ich habe im meinem Umfeld nicht nur einmal miterlebt, dass unter dem Vorsatz „The Joy of Less“ Küchengeräte entsorgt, Geschirr gespendet, Klamotten in die Altkleidersammlung und Möbel auf den Sperrmüll geworfen wurden, nur um sie zwei Monate später reuig nachzukaufen, weil man doch nicht ohne kann – und dann oft in minderer Qualität als vorher. Dabei entsteht für mich der Eindruck: Oft ist es der Minimalismus-Vorsatz, der vorgeschoben wird, weil man schlicht zu faul ist, Dinge einzulagern und sie stattdessen wegwirft. Oder ein anderer Ansatz: Man trennt sich vom ganzen alten Zeug und kauft neues, das man für besser geeignet hält, einem minimalistischen Lebensstil zu entsprechen. Stichwort: Minimalismus als Look. Denn: Was man gemeinhin mit Minimalismus verbindet, ist auch eine ganz bestimmte ästhetische Vorstellung.

Minimalismus als Ästhetik-Vokabel

Nochmal zurück zu Pinterest: Gibt man dort in den Suchschlitz das Wort „Minimalism“ ein, hüpft einem nämlich eine ganz gewisse Ästhetik entgegen. Weiße Wände, weiße Metro-Fliesen und offene Regale mit farblich kuratierten Küchenaccessoires, dazu ein Monstera-Blatt in einer Glasvase. Für den minimalistischen Lebensstil braucht man laut einschlägigen Blogs nämlich Eukalyptuszweige, gestreifte T-Shirts und ein lässig über einen Eames-Chair geworfenes Schaffell. Und: Wer sich ein bisserl umsieht, findet dazu sogar entsprechende Shopping-Listen, kein Scherz.

Für was ich also plädiere? Lagert euer Zeug um Himmels willen ein!

Ich weiß, ich bin selbst keine Heilige, ich lass mich vom erwähnten Look ebenso einwickeln wie viele andere und bin bei Gott nicht fehlerfrei. Wofür ich aber dennoch plädiere? Bitte, bitte überlegt euch dreimal, ob ihr einen Gegenstand wirklich weggeben wollt, oder ob ihr ihn schlicht besser verräumen solltet. Oder einlagern. Oder, ob man vorhandene Dinge, die nicht dem Minimalismus-Look entsprechen, nicht mit ein bisserl Farbe, Stoff und DIY-Bemühung in solche verwandeln könnte. Der innere Schweinehund ist schließlich mächtig. Und so ein Notfall-Lager in Mamas Keller kann ihn manchmal im Zaum halten.

 

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