9 Monate Capsule Wardrobe und 4 Erkenntnisse

 

Mein sehr verehrten Damen und Herren, Sie lesen hier ein Zwischenfazit. Vor rund neun Monaten habe ich mich nämlich auf meine vier Buchstaben und vor meinen Gwandkasten gesetzt und den Inhalt des selbigen ratzeputz und ohne Wenn und Aber durchgeplant: nach Tragbarkeit, nach Kombinierbarkeit, Haltbarkeit und Nachhaltigkeit. Kurz: Ich habe mir eine Capsule Wardrobe zugelegt, die mich in 50 Kleidungsstücken outfittechnisch durch 12 Monate und 365 Tage bringen sollte. Und genau jenes Wort ist hier auch das ausschlaggebende: sollte. Denn: Was auf dem Reißbrett und am Pinterestboard toll aussieht, bekommt im wahren Leben recht schnell Grenzen. Und deswegen möchte ich hiermit meine Erfahrungen teilen, die ich in den letzten Monaten mit meiner Ganzjahres-Capsule gesammelt habe.

Bitte versteht mich dabei nicht falsch: Das generelle Erlebnis, ein Kleidungsinventar zu haben, bei dem fast alles zusammenpasst und mit dem man beim allmorgendlichen Ankleiden viel Zeit spart, ist prinzipiell ein wunderbares. Aber: Es bewährt sich einfach nicht in jeder Situation. Die wichtigsten Erkenntnisse und derartigen Situationen habe ich deswegen hier zusammengefasst.

Erkenntnis 1: Saisonale Grenzen

Die erste Erkenntnis, die sich mir vor allem anhand des diesjährigen Winters geboten hat, war jene, dass sich eine Capsule Wardrobe nur bedingt über alle Jahreszeiten vorplanen lässt. Egal, wie gut man sich überlegt, wie viele Pullover, dicke Strumpfhosen und Schals man für die kalte Jahreszeit benötigt – sobald sie dann da ist und sich wahlweise wärmer oder kälter gibt, als es antizipiert wurde, fallen all diese Pläne schnell über den Haufen. Der letztjährige Winter war für meine geplante Capsule viel zu mild und die sorgfältig vorbereiteten dicken Wollpullover aus Irland (fair! handgefertigt! supergeil!) kamen an etwa drei Tagen zum Einsatz. Dafür wurde die Herbstgarderobe gleich drei Monate länger getragen, als vorhergesehen. Und das hat neben einer gewissen modischen Ennui auch folgenden Nachteil:

Erkenntnis 2: Worse for wear

Es ist eigentlich logisch, wird aber erst beim Erlebnis am eigenen Leib so richtig verstanden: Verfügt man über weniger Kleidungsstücke und hat diese dafür öfter an, tragen sich diese unglaublich schnell ab. Und zwar auch, wenn man bewusst höhenwertige Qualität kauft. Eine schwarze Hose hat nun einmal endlich viele Waschzyklen, die sie verträgt, bevor sich das Schwarz an den Nähten langsam in ein dunkles Grau verwandelt und das Gefühl, in abgetragener Kleidung unterwegs zu sein, stellt sich recht schnell ein. Zusammengefasst: Die Lebensdauer eines Kleidungsstück verringert sich merklich und der Durchlauf an Stücken (und zwar primär an oft getragenen Basics) lässt irgendwann am eigenen Verstand zweifeln. Ob eine Capsule also tatsächlich weniger Klamotten verschleißt, als eine reguläre Garderobe, muss ich wohl noch statistisch erfassen, so einfach, wie es am Pinterest-Reißbrett wirkt, ist es aber dann doch nicht.

Erkenntnis 3: Anlässe, die Anlässe!

Was sich in einer Capsule Wardrobe außerdem nur bedingt abbilden lässt. Anlässe! Beispiel 1: die Hochzeitseinladung. Wenn man nicht zu drei Hochzeiten hintereinander im eigentlich eh schon nicht sonderlich angebrachten kleinen Schwarzen antanzen will, muss man sich irgendwann wohl oder übel nach einem zweiten förmlichen Kleid umsehen. Beispiel 2: die Kostümparty. Muss man sich aufgrund von Themenfeten in kesse 20er Jahre-Klamotten hüllen, gibt die Capsule nur endenwollend verwertbare Stücke her. Und: Solcher Beispiele könnte ich noch einige aufzählen, denen ich in den letzten Monaten begegnet bin. Hier stößt man also ebenso an gewisse Grenzen.

Erkenntnis 4: Zwangsbestimmung

Und überhaupt: So eine Capsule Wardrobe baut schon ein gewisse Zäune um die eigenen Ansprüche und das persönliche Verhalten. Bei mir ist etwa der Fall eingetreten, dass ich eines Tages über zwei Kisten mit Kleidung gestolpert bin, die es nach dem letzten Umzug noch nicht bis zum Gwandkasten geschafft haben und vergessen im Keller lagen. Was tun also mit deren Inhalt? Vollständig weggeben, weil sie sonst die sorgfältig kuratierte Capsule sprengen würden? Einfach eingliedern und damit die magische Stückgrenze des Gwandkasten-Konzepts negieren?

Es zeigt sich also: Theoretische Konzepte wie jenes der Capsule Wardrobe sind so lange schön, wie sie am Reißbrett, in der Theorie bleiben. Sobald sie beginnen in den Alltag vorzustoßen, treffen sie auf nicht antizipierte Stolpersteine. Ob ich meine Capsule weiterverfolgen werde? Ja, auf jeden Fall, weil ich nach wie vor an den Ansatz glaube, sich schlichter, bewusster und ohne übertriebene Trendabhängigkeit zu kleiden. Ich werde weiterhin darauf achten, nur zeitlose, hochwertige Teile zu tragen und in meiner Garderobe nachzubestücken, nur solche aufzunehmen, die sich möglichst vielfältig kombinieren lassen und keine sinnlosen Trends mitzumachen, die ohnehin nur eine Saison überleben werden. Aber: Die schöne, neue Welt auf dem Papier hat im Endeffekt nur genau dort funktioniert, wo sie entstanden ist. Auf Pinterest und in meinen Plänen.

You May Also Like