Du musst unbedingt “Dunkelgrün fast schwarz” von Mareike Fallwickl lesen

 

Ich sitze gerade da und fummle nach Worten, denn: Ich bin es einfach nicht gewohnt, Bücher zu rezensieren, weder an dieser Stelle, noch sonst irgendwo – und genau aus diesem Grund habe ich es auf diesem Blog auch noch nie in aller Ausführlichkeit versucht. Warum ich nun trotzdem wortfummelnd durch meine Tastatur stochere um euch meine Meinung über ein Buch mitzugeben? Nicht nur spielt das zu besprechende Werk in Salzburg, in Hallein und vielen Orten dazwischen, es stammt auch von einer Autorin, der manche von uns schon regelmäßig begegnen – in ihrer Rolle als das “Zuckergoscherl” des Salzburger Fensters nämlich. Und in meinem Fall kenne ich Mareike Fallwickl, deren “Dunkelgrün fast schwarz” vor einigen Tagen in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist, auch persönlich.

Wie jeder andere Schreiberling unter meiner Leserschaft wohl wissen mag, sind Rezensionen über Bücher, Musik, Arbeiten und Leistungen von Bekannten und Freunden immer diejenigen, die sich am schwersten zu Papier bringen lassen. Schlicht, weil man die quasi moralische Verpflichtung empfindet, das, was man da konsumiert, automatisch gut finden zu müssen. Genau aus diesem Grund habe ich das Rezensionsexemplar von Mareikes Buch, das schon seit Jahresanfang mein Bücherregal ziert, auch so lange misstrauisch beäugt, bevor ich es endlich zur Hand genommen habe. Wie ich nun weiß, war dieses vorsichtige Herumschleichen um die rund 450 Seiten einer Geschichte über Freundschaft und Abhängigkeit jedoch nicht notwendig, denn: Was da zwischen zwei Buchdeckeln wartet, liest sich wie ein Rausch, ein Abenteuer, dessen Zeltpfosten in altbekannten Orten im Salzburger Umland verankert sind.

Darum geht es in “Dunkelgrün fast schwarz”:

Raffael und Moritz sind beste Freunde, seit sie sich zum ersten Mal im Kleinkindalter über den Weg laufen. Der sensible, stille Moz ist dabei so eingenommen vom lauten, mutigen, unangepassten Raf, dass er ihm überallhin folgen würde: In die stillgelegten Stollen des Dürnbergs, an verbotene Orte und in die zwischenmenschliche Abgründe, die sich nach und nach in ihrer Beziehung auftun. Die sadistischen Züge an Raffael fallen Moritz’ Mutter Marie dabei schnell auf. Sie ist alleine mit ihren zwei Kindern in ein kleines, kaltes Haus am Dürrnberg gezogen, findet dort keinen Anschluss, ist einsam ohne ihren Mann, der sein Medizinstudium in Wien zu Ende bringt. Zu einem Dreieck wird die Beziehung zwischen Moritz und Raffael, als Johanna in ihr Leben stolpert – ein Dreieck aus Liebe und Abhängigkeit, Freundschaft und Qual, das noch im Teenageralter fatal endet. Jahre später begegnen sich die Freunde erneut und Erlebnisse, die seit Jahren unverarbeitet unter der Haut schwelen, brechen plötzlich wieder hervor.

Darum geht es wirklich:

Mareike Fallwickl ist eine Meisterin des Fabulierens, des Charakterisierens und des Spinnens von Handlungsfäden, die im Verlauf der Geschichte immer dichter werden. Erzählt wird “Dunkelgrün fast schwarz” aus der Sicht dreier Charaktere – Moritz, Marie und Johanna – und in verschiedenen Zeitebenen. Die Erzählung springt zwischen den Jahren, Orten und Personen und schafft so Stein für Stein ein Mosaik, das die Katastrophe, den Konflikt der handelnden Figuren erst nach und nach erkennen lässt. Dabei charakterisiert Mareike ihre Figuren so fantastisch, dass es für den Leser in jedem Satz völlig offenkundig ist, aus Sicht welcher Person er die Geschichte gerade verfolgt, wie alt diese Figur gerade ist und in welcher Lebensphase sie sich befindet.

Am lebendigsten wirkt dabei Moritz’ Mutter Marie in ihrer Überforderung und Einsamkeit in einem Bad Dürrnberg, das in “Dunkelgrün fast schwarz” erdrückend wirkt, kalt und unnahbar. Die Gefühlswelt von Moritz, dem Synästheten und Künstler ist dabei die farbenprächtigste und unschuldigste – seinen Eindrücken von der Welt und ihren Menschen ist auch der Titel des Buchs geschuldet. Hat jede Person, die ihm begegnet ihre ureigene, charakteristische Farbe, trägt Raffael ein Dunkelgrün fast schwarz um seinen Körper, das manchmal strahlt, manchmal verschattet ist, wie auch ihr Träger selbst, der die Menschen um ihn herum abhängig macht von seinem Charme und gefügig mit seinem Einfluss. Raffael verkörpert das seelisch Zerstörerische, in dem jedoch auch das Schöpferische schlummert – er macht die Menschen, die sich auf ihn einlassen gleichzeitig zur besten und schlechtesten Version ihrer selbst. Durch die Beziehung zu seinem übermächtigen Freund fühlt sich Moritz stärker, unverwundbarer, er fühlt sich gesehen und wertvoll. Gleichzeitig bezahlt er dafür einen hohen Preis und die Frage, wann dieser Preis schlussendlich zu hoch sein wird, ist der dumpfe Zahnschmerz, der das gesamte Buch beherrscht.

Die Crux von “Dunkelgrün fast schwarz” ist die Frage, warum die ehemals besten Freunde auseinandergingen, warum sie sich über die Jahre entfremdeten und was Johanna, das Knochengerüst aus Pappkarton, Zynismus, Schock und Kontroverse, damit zu tun hatte. Das Buch stellt die Frage, ob körperliche Blessuren oder seelische die schlimmeren sind, ob Kinder bereits als “Arschlöcher” geboren oder erst zu solchen erzogen werden und was emotionale Abhängigkeit mit Menschen anstellt.

Und in der Auslotung dieser Fragen ist “Dunkelgrün fast schwarz” ein fantastisches Buch, dessen Sprache und Erzählfluss eine Sogwirkung entfalten und in dessem Mahlstrom gerade Salzburgbewohner immer wieder vertraute Elemente entdecken werden (den Rudolfskai, die Würstelkönigin, das Café Kurkuma oder den Halleiner Bayrhamerplatz, etwa). Und genau aus diesem Grund solltest du es lesen. Unbedingt.

Mareike Fallwickl
Dunkelgrün fast schwarz
Frankfurter Verlangsanstalt 2018

Kaufen: Am besten im lokalen Buchhandel

 

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