Über Lifestyleblogs, Banalität und Verantwortung. Eine Abrechnung in drei Akten.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, dieser Beitrag entsteht aus aktuellem Anlass. Es ist nämlich so: Ich werde in ziemlich regelmäßigen Abständen von wechselnden Personen (gut, meist sind es die selben) mit dem Vorwurf konfrontiert, dass das, was ich hier tue, zu banal sei um eine Existenzberechtigung zu besitzen. Weil: Palatschinkenrezepte, Bucket-Lists und spazierengetragene Outfits würden nicht zu den Dingen zählen, von denen die Welt unbedingt mehr brauche, so die Argumentation. Und: Ich solle mein Hirn doch bitte lieber dankbareren Themen widmen, denn, wenn ich diese Reichweite schon hätte, sollte man doch bitte etwas G’scheites damit anfangen. Meine Antwort darauf ist dann meistens die selbe. Nämlich: Ja eh. Und diese Antwort möchte ich hiermit erklären – wie gewohnt in drei Akten.

Akt eins: Ihr wollt Banalität, ihr kriegt sie

Eines kann man relativ eindeutig feststellen: Wir befinden uns hier auf einem Lifestyleblog. Du, mein lieber Leser (m/w), lesend, ich schreibend. Zueinander geführt hat uns wahrscheinlich eine Linküberschrift oder ein Teaserbild, die oder das dir wahrscheinlich in sozialen Medien irgendwie gefallen hat. Und dazu gehört zu allererst gesagt: Das ist für mich ein großes Privileg! Der Umstand, dass du mir diesen Klick geschenkt hast, ist nämlich keineswegs selbstverständlich. Nachdem ich als Herrscherin über das Backend dieses Blogs meine Aufrufzahlen relativ gut kenne, weiß ich aber auch, dass der Artikel, der dich hierher gebracht hat, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu jenen gehört, die man als mehr oder minder banal bezeichnen könnte. Das könnte etwa meine To Do-List vor meinem dreißigsten Geburtstag gewesen sein oder ein Rezept für einen Chiapudding mit Erdbeeren, vielleicht hast du aber auch nach einem Frühstückslokal gesucht oder wolltest eine Anleitung zum Marmorieren mit Nagellack finden. Dies alles sind tatsächliche Beispiele von Beiträgen, die auf diesem Blog zu den erfolgreichsten gehören, sie sind ja auch auf ihre Art und Weise nützlich – und es sind gleichzeitig jene, wegen denen ich regelmäßig der Banalität beschuldigt werde. Vielleicht liegt dies daran, dass Teile meines Freundeskreises vergleichsweise intellektuell angehaucht sind und sich lieber mit Performancekunst beschäftigen als mit Pflaumenkuchen, vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich Banales einfach am besten kann. Sicher ist nur: Je banaler das Thema, je einfacher das Rezept, je seichter der Artikel, desto mehr Klicks regnet es. Das ist eine Faustregel, die fast zu 100% zutrifft.

Je banaler das Thema, je einfacher das Rezept, je seichter der Artikel, desto mehr Klicks regnet es.

Akt zwei: Schreib doch mal über…

Natürlich, ich könnte jetzt diesen vermeintlichen Teufelskreis durchbrechen und mir vornehmen, nur mehr über aufstrebende Filmemacher, kulturelle Kleinode, soziale Vielfalt oder nachhaltigen Konsum zu schreiben – und auch das sind konkrete Artikel, die ihr auf diesem Blog findet. Der Unterschied zur vorherigen Aufzählung? Es sind jene Artikel, die auf diesem Blog zu den am schlechtesten geklickten zählen. Es ist mir zwar persönlich ein großes Bedürfnis über genau diese Dinge zu schreiben, ihnen jene mediale Bühne zu geben, die ihn ihnen hier schenken kann, bloß: Ich kann mein Publikum nicht dazu prügeln, diese Artikel dann auch zu lesen. Es ist mir auch oft ein Anliegen, ein bisschen anspruchsvollere Inhalte zu produzieren, als “7 Dinge, die du in Salzburg im Winter machen kannst”, bloß: Ich weiß genau, dass ich mich noch so viele Stunden hinsetzen kann und noch so viel Herzblut in meinen Artikel über zeitgenössische Kunst stecken – er wird nur einen Bruchteil der Klicks erhalten, den die “27 Dinge aus der Uni Salzburg” bekommen haben. Klar, in gewisser Hinsicht sind diese Themen ja auch anstrengend, das geb ich zu. Und besucht werde ich von den Menschen da draußen vor allem auf der Suche nach Unterhaltung und Zerstreuung. Für mich stellt sich aber insgesamt die Frage: Ist es bei meinen ohnehin schon begrenzten Zeitreserven überhaupt wert, Energie in Inhalte zu stecken, die ohnehin niemand liest, nur um mein Gewissen und die Ansprüche meiner “Sei nicht so banal”-Freunde zu befriedigen?

Ist es bei meinen ohnehin schon begrenzten Zeitreserven überhaupt wert, Energie in etwas zu stecken, das ohnehin niemand liest?

Akt drei: Die Sache mit der Verantwortung

Ich habe ja einleitend schon erwähnt, dass wir uns hier ganz eindeutig auf einem Lifestyleblog befinden – und darauf möchte ich in Akt drei noch einmal zurückkommen, denn: So ein Lifestyleblog berichtet, Nomen est Omen, über einen gewissen Lebensstil. Was man so anzieht, was man so isst und trinkt, welche Medien man so konsumiert und welche Kosmetika man sich ins Gesicht klatscht. Das alles sind klassische Lifestyle-Themen, die auf einer Mikroebene zwar banal sind – auf einer Makroebene aber gar nicht mehr so sehr. Weil: Ob ich ein T-Shirt von Primark um 2,99.- trage oder eine fair produzierte Bluse von Grüne Erde, das macht schon einen gewissen Unterschied im Lebensstil aus. Oder: Ob ich mein Gemüseragout beim Abendessen über peruanischen Quinoa kippe oder über Buchweizen aus Oberösterreich, das macht auch einen Unterschied. Dieser Lifestyle, der hier das primäre Thema ist, ist im Grunde das, was uns alle tagtäglich beschäftigt: Was kaufe ich ein, was ziehe ich an, was schmiere ich mir auf mein Frühstückssemmerl. Oder auf den vielleicht banalsten Artikel der letzten Monate heruntergebrochen: Es macht auch einen Unterschied, ob sich unter meinen 5 Dingen, die ich diesen Sommer machen möchte, ein Trip auf die Malediven oder ein Urlaub im Waldviertel befindet (ja, ich rede jetzt vom ökologischen Fußabdruck). Kurz gesagt: Ich bemühe mich durchaus darum, eine gewisse Verantwortung wahrzunehmen in den Dingen, die ich hier präsentiere. Darum mache ich faire Mode, darum koche ich mit regionalen, saisonalen Zutaten von den hiesigen Märkten, darum stelle ich Urlaubsziele vor, die mit Öffis erreichbar sind. Ich präsentiere diesen Umstand halt nicht jedes Mal per Holzhammer und in meiner Tagline steht nix von green oder sustainable – und ich glaube dadurch haben die immer wieder eingestreuten grünen und nachhaltigen Dinge manchmal noch mehr Effekt. Warum? Weil sie so auch Leute erreichen, die um das grüne und nachhaltige Mascherl eher einen Bogen machen.

Ich bemühe mich durchaus darum, eine gewisse Verantwortung wahrzunehmen in den Dingen, die ich hier präsentiere.

Klar, ich will mich hier auch nicht besser darstellen, als ich es bin: Ich könnte durchaus mehr tun, auf meine Leserzahlen pfeifen und nur mehr über verpackungsfreie Kosmetik, Free Jazz, Flüchtlingshilfe und Architekturtheorie schreiben. Ich weiß aber auch, dass ich dich, der du das hier liest, dann vielleicht nicht mehr erreiche. Und deswegen fühle ich mich mit meinem Mittelweg aktuell sehr wohl.

Ob ich ihn optimieren muss? Bestimmt.

Das Titelbild ist von Pixabay, genauer gesagt von User Unsplash. Danke dafür.

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