Salzburg: Tour de Stille Nacht, oder: Salzburg sucht die Super-Stille-Nacht-Gemeinde.

Die Gute Güte

 

Hinweis: Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2015. Die hier enthaltenen Informationen könnten möglicherweise veraltet sein.

Transparenzhinweis: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Bloggerreise durch das Salzburger Land

Liebe Leute, ich weiß jetzt, dass es bei jeder guten, österreichischen Weihnachtszelebration einen Programmpunkt gibt, der bierernst ist. Und damit mein ich: So richtig ernst. Egal, wie viele Geschenke das Christkind gebracht hat und egal wie gut die Würstelsuppe/der Karpfen/der Bachlkoch/die Bratswürstel/der vegane Nussbraten schon duften. Dieser Programmpunkt findet meist unter dem Christbaum und in schönster Kakophonie statt und heißt “Stille Nacht, heilige Nacht”. Um den Bierernst dieses Themas weiß ich, seitdem ich mich näher mit der Entstehung dieses berühmtesten Weihnachtslieds der Welt beschäftigt habe. Es kommt ja bekanntermaßen aus Salzburg und wird hier besonders hoch in Ehren gehalten. Und zwar auf eine Art und Weise, dass man irgendwie Angst haben muss, augenblicklich vom Blitz getroffen zu werden, wenn man es vor dem 24. Dezember singt (Frevel!) oder nicht alle sechs Strophen im Schlafe auswendig weiß (nur Zuagroaste sind so ungebildet, mea culpa).

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Der Kern der Geschichte, die jeder ein wenig anders kennt, ist der folgende: Der Oberndorfer Pfarrer Joseph Mohr (Text) und der Arnsdorfer Lehrer Franz Xaver Gruber (Musik) singen an Heiligabend 1818 in der Oberndorfer Kirche zu Gitarrenbegleitung ein selbstgeschriebenes Weihnachtslied, das in den folgenden Jahrhunderten seinen Siegeszug um die Welt antreten und schließlich ins immaterielle Welterbe der UNESCO eingehen sollte. Und um diesen Kern der Geschichte schmiegen sich die verschiedensten Legenden, die je nach dem Ort, in dem Sie erzählt werden, ganz anders klingen. Einmal war eine kaputte Orgel der Auslöser für die Mohr/Grubersche Gesangseinlage zur Gitarre, mal gab es gar ohnehin keine Orgel in der armen Kirche, mal griff man bewusst auf die Gitarre als Instrument des Volkes zurück. In einer Version waren Gruber und Mohr die besten Freunde, mal waren sie quasi Fremde, mal blieben sie sich ihr Leben lang verbunden, mal gingen sie nach dem Liedvortrag getrennte Wege und sahen sich nie wieder. Mir selbst wurde in der Volksschule übrigens jene Version erzählt, nach der die Orgel der Kirche kaputt war, weil der Blasebalg von Mäusen angenagt worden war (Zornige Mails ob dieser eventuellen Falscherzählung gehen bitte an die Volksschule Attersee am Attersee.).

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Sicher ist jedoch, dass die Stille Nacht eine Geschichte ist, für die sechs Salzburger Gemeinden die Deutungshoheit beanspruchen und die alle sechs Gemeinden anders auslegen. Ich hab mich auf Spurensuche durch das ganze Bundesland gemacht und mich an einige Orte begeben, die eine maßgebliche Rolle in der Affäre “Stille Nacht” spielen durften.

Dabei geholfen hat mir die Salzburger Land Tourismus, die mich gemeinsam mit einer Schar Blogger aus dem ganzen deutschen Sprachraum für ein Wochenende durch das Stille Nacht-Land begleitet hat. Was ich dort so gefunden habe, das zeige ich hier.

Wagrain

Der erste Stop auf der Tour de Stille Nacht ist zugleich der gebirgigste. Tief drin im Pongau, genauer gesagt in Wagrain, liegt nämlich einer der wichtigsten Pilgerorte aller Stille Nacht-Spurensucher: das Grab von Josef Mohr, seineszeichens Pfarrer, Textdichter und recht aufmüpfiger Zeitgenosse. Hinauf in die Berge verschlagen hat es Herrn Mohr, dessen ursprüngliche Wirkungsstätten eher im Flachgau lagen, nämlich nicht aufgrund seiner großen Liebe für Fels, Schnee und Fichte, sondern, weil er der Obrigkeit ob seiner unbequemen Art ein gewisser Dorn im Auge war und man ihn daher mehr oder weniger loszuwerden gedachte.

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Zwar hat Mohr dem Dörfchen Wagrain mehr als gut getan (Schulneubau, Waisenfond, Seelsorge und andere schöne Dinge, die auf sein Konto gingen), das Wetter im Gebirge bekam ihm im Gegenzug aber nicht besonders: Gestorben ist Joseph Mohr im Alter von nur 56 Jahren an einer Lungenlähmung. Den Siegeszug seines Liedes hat er damit leider nicht mehr erlebt.

Hiesige Version: Kein Erwähnung der Geschichte Orgel vs. Gitarre, dafür eine große Liebeserklärung an Karl Heinrich Waggerl, dessen Weihnachtsgeschichten ebenfalls mit Wagrain verbunden sind. 

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Hallein

Ein bisschen lebendiger gestaltet sich die Spurensuche in Hallein, wo man im Stille Nacht-Bezirk auf das kleine, aber feine Stille Nacht Museum stößt.

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Dort, im ehemaligen Wohnhaus des Liedkomponisten, Organisten, Lehrers und Mesners Franz Xaver Gruber, begutachtet man etwa die Originalgitarre, zu der Gruber und Mohr nicht nur die Uraufführung von “Stille Nacht” anstimmten, sondern die auch immer wieder bei Wirtshausschlägereien als Waffe benutzt wurde. Gut zu wissen, dass die Gitarre entweder aus besonders hartem Holz gemacht worden sein muss, oder die Schädel der Saufkumpanen anno 1800 eher auf der weichen Seite gewesen sein dürften. Immerhin ist das gute Instrument noch recht intakt.

Hiesige Version: Egal, was mit der Orgel war, die Kirche steht eh nicht mehr.

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Arnsdorf

Bevor Franz Xaver Gruber jedoch seinen Dienst als Organist in Hallein antrat, hatte er einen anderen Posten inne – nämlich jenen des Mesners und Schullehrers im kleinen flachgauer Arnsdorf. Die dort neben der Kirche angesiedelte, entzückende Schule ist immer noch als solche in Betrieb, beherbergt aber mittlerweile auch ein Museum, das die Entstehungszeit des Liedes und die Lebensumstände Grubers ganz wunderbar nachvollziehen lässt.

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Dort entdeckt man ein Klassenzimmer und eine Wohnstube anno 1820, historische Krippenfiguren, Notenwerk und einen kleinen, hübschen Weihnachtsmarkt.

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Und: Sollte es jemand zur Weihnachtszeit nach Arnsdorf verschlagen, sollte man unbedingt eine Begegnung mit Museumskustos Max Gurtner einplanen, der die Stille Nacht-Geschichte so schön erzählt, wie keiner sonst.

Hiesige Version: Zu jener Zeit war die Kirche wahrscheinlich zu arm um überhaupt eine Orgel gehabt zu haben.

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Oberndorf

Der wahrscheinlich bekannteste Stille Nacht-Ort des Landes ist wohl Oberndorf mit seiner berühmten Stille Nacht-Kapelle. Was aber vielleicht nicht alle wissen: Die Uraufführung des Weihnachtsliedes fand an Heiligabend 1818 gar nicht in der kleinen Rundkapelle statt, sondern in der Oberndorfer St. Nikola-Kirche, die heute leider nicht mehr steht.

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Das Publikum zur Uraufführung kann man sich übrigens recht zünftig vorstellen: Die St. Nikola-Kirche war nämlich die Stammkirche der Salzachflößer. Die heutige Kapelle trägt die Väter des Lieds in bunten Glasfenstern zur Schau und thront über dem Stille Nacht-Weihnachstmarkt, auf dem sich ein schöner Punsch vor Postkartenmotiv einnehmen lässt.

Hiesige Version: Anno 1818 war in Oberndorf die Orgel kaputt, also….

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Salzburg

Oh ja, auch in Salzburg gibt es Spuren der Stillen Nacht zu entdecken. Nicht nur wird im städtischen Salzburg Museum der Stille-Nacht-Autograph, also das handgeschriebene, originale Notenblatt, aufbewahrt, auch findet man in der verwinkelten Steingasse das Geburtshaus Joseph Mohrs.

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Der – und das ist eigentlich der spannendste Teil der Geschichte – kam hier im Jahre 1792 als uneheliches Kind zur Welt und trug als solches vorerst keinen Nachnamen.

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Der Name “Mohr” wurde ihm erst im Zuge der napoleonischen Volkszählung verpasst. Als musikalisches Talent schon früh entdeckt genoss er eine standesunübliche Ausbildung im akademischen Gymnasium (ja, das Akad gibt es scheinbar schon so lange) und wurde – nicht zuletzt dank seines langjährigen Förderers, dem Domvikar Hierle – zum Priester geweiht und trat seine Stelle in Oberndorf an.

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Dort lernte er mit Franz Xaver Gruber den Schulmeister des Nachbarorts kennen, es entwickelte sich eine Männerfreundschaft und der Rest, der ist musikalische Geschichte.

Hiesige Version: Niemand weiß so genau, was jetzt mit dieser Orgel los war.

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Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Salzburger Land Tourismus und der Salzburg Stadt Tourismus für die schöne Reise quer durchs Land und grüße die Kollegen, die ich begleiten durfte:

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