Ich war mit der “Sound of Music Tour” unterwegs. Und das hab ich erlebt.

Wer lange genug in Salzburg gewohnt hat, wird nicht umhin gekommen sein, irgendwann diese bunten Busse im Stadtverkehr zu entdecken. Sie sind mit singenden Menschen in Tracht bepinselt, fahren hübsche Bilder von Salzburger Sehenswürdigkeiten spazieren und propagieren in schönstem 50er Jahre-Schriftzug ein Phänomen, das gefühlten 95% aller Einheimischen entweder unbekannt oder völlig wurscht ist. Und für das etwa 300.000 Menschen aus aller Welt jedes Jahr Zigtausende Kilometer zurücklegen, um ihm einmal ganz nah sein zu können. Die Rede ist natürlich von “The Sound of Music”, das seines Zeichens ein Musical-Film aus 1965 ist. Spielen tut die Geschichte um die singende Familie von Trapp (die relativ eng an gewissen realen Geschehnissen vorbeischrammt) in Salzburg. Der Film mit Julie Andrews und Christopher Plummer in den Hauptrollen wurde an den Originalschauplätzen gedreht und Millionen von Menschen sehen die über 2 Stunden dauernde Musicalgeschichte mindestens ein mal jährlich – und zwar im Weihnachtsprogramm. Und dementsprechend emotional sind die persönlichen Beziehungen zu den malerischen Salzburg-Aufnahmen, den Broadway-Schlagern und Julie Andrews Luxuskörper im Dirndlkleid.

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Da “The Sound of Music” heuer bereits seinen 50sten Geburtstag feiert, dachte die Gute Güte so bei sich: Zeit, sich mit diesem Thema zu befassen, das aus internationaler Sicht ja praktisch genauso stark mit Salzburg gleichgesetzt wird, wie der Mozart selig. Und wie könnte man das besser tun, als indem man sich mitten in die Höhle des Löwen stürzt – und sich gemeinsam mit etwa 70 internationalen Edelweiß-Freunden auf die Sound of Music-Bustour begibt. Wie es mir dabei ergangen ist – das erzähle ich hier.

Wie bereitet man sich auf eine Recherchefahrt mit dem Sound of Music-Bus vor? Richtig: Man führt sich den Film zu Gemüte. In meinem Fall zu allerersten Mal – obwohl er schon seit Jahren in meinem DVD-Regal schlummert. Bekommen habe ich meine Sound of Music-DVD vor gefühlten Ewigkeiten von einer Besucherin aus den Niederlanden, die ich einen Nachmittag lang durch die Stadt begleitet habe und die es einfach nicht glauben konnte, dass ich den Film noch nie gesehen hatte. Eine Woche später lag er dann in meinem Postkasten, wurde einige Wochen scheel beäugt und wanderte dann im Regal immer weiter nach hinten. Aber, nachdem sich die Gute Güte ja vorgenommen hat, sich nicht über Dinge das Maul zu zerreißen, mit denen sie keine persönliche Erfahrung hat (ein Vorsatz, der mich u.a. schon zu Hip Hop-Konzerten, veganen Ernährungsexperimenten und Capoeira-Stunden geführt hat), musste er früher oder später einmal in den DVD-Player wandern. Und was könnte ein schönerer Grund sein, als Tickets für die Sound of Music-Bustour. Gesagt, getan, geschaut und am nächsten Tag in den Bus gestiegen war ich erstmal… überrascht.

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Ganz ehrlich: Ich hab ja im Vorfeld gewusst, dass Sound of Music international ein ziemliches Thing ist. Das emotionsschwangere Klima im Sound of Music-Bus hat mich dann aber doch ein wenig aus der Bahn geworfen. Ernsthaft: Eine so andächtige Stimmung gibt es hierzulande nicht einmal in der Kirche.

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Da sitzen also rund 70 erwachsene Menschen aus aller Welt in einem Bus, der die jedem Einheimischen bestens bekannte Strecke Altstadt – Leopoldskron – Hellbrunn – St. Gilgen – Mondsee fährt und wischen sich Tränen aus den Augenwinkeln, weil diese Orte, die sie in ihrem Leben noch nie besucht haben, so schöne Kindheitserinnerungen in ihnen hervorrufen.

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Da ist etwa Lorna aus England, die den Film in den Sechzigern mehr als zehn Mal mit ihrer verstorbenen Mutter im Kino gesehen hat und die nun zum allerersten Mal das echte Gazebo (für alle nicht Eingeweihten: das ist ein Gartenpavillon) betrachtet, in dem Liesel und Rolf im Film “I am sixteen going on seventeen” singen und in dem Maria und der Captain später beschließen, zu heiraten. Die Reise nach Salzburg wurde Lorna, die mittlerweile verwitwet ist, von ihrem Sohn ermöglicht. Die Lieder kann sie selbstverständlich alle mitsingen. Das Erlebnis, die Drehorte, die sie schon zig Mal am Fernsehbildschirm und auf der Kinoleinwand durchwandert hatte, persönlich zu sehen, sei “very special”, sagt Lorna.

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Dass das berühmte Gazebo aktuell nicht mehr im Schlosspark von Leopoldskron steht, sondern im Park von Hellbrunn, ist für viele Gäste schwer zu akzeptieren, wie mir Tour-Guide Natascha später erzählen wird. Der weiße Holzpavillon musste vom ursprünglichen Standort entfernt werden, weil der Touristenstrom (der sich von so profanen Dingen wie Zäunen oder Hecken nicht unbedingt abschrecken ließ) rund um das Schloss Leopoldskron schlicht nicht mehr bewältigbar war. Verständlich, dass man den zweitausendsten Touristen, der mitten in der Nacht vor einem vollbelegten Hotel lautstark “Something Good” anstimmt, nicht mehr unbedingt charmant findet.

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Gesungen wird auf der Sound of Music-Bustour übrigens auch – und zwar nicht zu knapp. Zum Einsingen gibt es klassischerweise das Do-Re-Mi , der Höhepunkt wird dann erreicht, wenn zu “The hills are alive with the sound of music” durch das Salzkammergut gekurvt wird und beim ersten Anblick des Wolfgangseepanoramas bei St. Gilgen der ganze Bus kollektiv seufzt. Und an dieser Stelle muss man sagen: Es ist ein seltsames Erlebnis durch diese altbekannte Landschaft zu fahren, in der man selber aufgewachsen ist und die vom Rest der Gruppe als kollektiver Sehnsuchtsort betrachtet wird.

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Mehr dazu weiß Thiago zu berichten, der mit seiner Mutter aus Brasilien angereist ist – und zwar ausschließlich, um die Sound of Music-Tour zu absolvieren. Er erzählt, dass sich der Film über die Jahre hinweg zu einer Familientradition entwickelt habe, mit der viele schöne Kindheitserinnerungen verbunden seien. Folgerichtig führt die Mutter-Sohn-Reise nach Salzburg, um die Orte rund um “Climb ev’ry Mountain” einmal persönlich zu erkunden.

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Tour-Guide Natascha und Busfahrer Matthias, die die Route um Salzburg und ins Salzkammergut schon mehrere hundert Mal absolviert haben, könnten mit ihren Sound of Music-Erlebnissen ganze Bücher füllen. Da würden Gäste kommen, deren letzter Lebenswunsch es sei, ein Mal die Tour mit dem bunten Bus zu den Orten ihres Lieblingsfilms zu fahren, manche Mitreisende kämen in Nonnenluft oder frisch gekauften Dirndln und manchmal mische sich sogar das eine oder andere Mitglied der Originalbesetzung des Films unter die Reisegruppe. Die Aufgabe, die Drehorte zu präsentieren und die Hintergrundgeschichten zum Film zu erzählen, sei eine ab und an recht heikle, erklärt Natascha: “Manche Gäste sind völlig vor den Kopf gestoßen, wenn sie hören, dass die Drehorte nicht so nah aneinander liegen, wie es im Film scheint. Oder, dass die echte Maria von Trapp wahrscheinlich nicht so zuckersüß war, wie die Verkörperung durch Julia Andrews.”

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Mit vielen Film-Klischees wird auf der Tour nämlich gehörig aufgeräumt. So hört man etwa, dass der Weg vom Untersberg, auf dem die berühmte Eingangsszene des Films spielt, hinunter ins Stift Nonntal praktisch ein Tagesmarsch ist – und nicht ein Spaziergang von fünf Minuten, wie es im Film scheint. Und, dass es nicht so ohne weiters möglich ist, zu Fuß über die Alpen in die Schweiz zu wandern, wie es die Familie Trapp am Ende des Films tut.

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Ebenso wird erklärt, dass die Innenaufnahmen der Hochzeitskirche von Maria und dem Captain nicht im Stift Nonnberg getätigt werden konnten, da der Benediktinerinnenorden kein Hollywood-Filmteam in seinen geheiligten Hallen aufnehmen wollte. Ausgewichen wurde auf die Mondseer Stiftskirche, die den Endpunkt der Tour bildet. “I wish I could get married here”, hört man aus der Reisegruppe, die kollektiv und andächtig den Mittelgang der Kirche entlangschreitet. Man selbst betrachtet skeptisch zuckerlrosa Sternrippengewölbe der Mondsee Stiftskirche ist und weiß irgendwann nicht mehr, ob man das Erlebnis des Tages nun kitschig oder ergreifend finden soll.

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Mein Fazit? Tut man die Sound of Music-Tour als Touristenkitsch ab, macht man es sich eindeutig zu einfach. Die Damen und Herren, die ich auf ihrer Tour begleitet habe, waren mit so viel Freude, Leidenschaft und Ergriffenheit bei der Sache, dass man das ganze Phänomen einfach nicht nicht ernstnehmen kann. Man muss sich nur die Kommentare zu den verlinkten Youtube-Videos zu “The Sound of Music” durchlesen, um einen Eindruck von den Geschichten, Erlebnissen und Emotionen zu bekommen, mit denen im Gepäck die Gäste der Sound of Music Tour in den bunten Bus steigen. Und: Den Tour-Guides ist haushoher Respekt zu zollen. Was dort vorne im Bus abgeliefert wird, ist eine Unterhaltungsshow erster Güte, die unheimlich viel Einsatz und Energie kosten muss. Als Einheimische habe ich die Busstrecke, die ich selbst schon gefühlte tausend Mal gefahren bin, durch neue Augen gesehen – und zwar gleich durch 70 Paar.

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Ich bedanke mich ganz herzlich bei Panorama Tours, die mich auf die Sound of Music-Ausfahrt eingeladen haben!

Wer sich für den Salzburger Filmdreh von “The Sound of Music” interessiert, sollte sich übrigens folgende Ausstellung der Leica Galerie nicht entgehen lassen: Bis April zeigt eine Schau im Schloss Arenberg Fotos von den Dreharbeiten, aufgenommen von der österreichischen Fotolegende Erich Lessing.

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