Ich war im Flüchtlingsnotquartier in der alten Autobahnmeisterei. Und das hab ich gesehen.

Zu fünft verteilt sich die Familie auf zwei Stühle und sieht den Sanitäter erwartungsvoll an. “How old?”, fragt dieser und hält dabei zählende Finger in die Luft. Der älteste Sohn der Familie übersetzt für den Vater. Mittels Handzeichen wird anschließend das Alter der drei kleinsten Kinder angegeben: fünf, acht und zehn Jahre. Der Sanitäter greift zu einer Flasche Hustensaft und dosiert die richtige Menge für das fünfjährige Mädchen. Später wird er mir erzählen, dass er gerade den ersten Tag seines Zivildienstes im Flüchtlingsnotquartier in der alten Autobahnmeisterei in Liefering verbringt.

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Humanitäre Katastrophen sind für jemanden, dem die Gnade der Geburt in einem mitteleuropäischen Land zuteil wurde, meist ganz weit weg. Bis sie dann direkt vor der Haustür stehen, mit abertausenden Gesichtern und abertausenden Schicksalen.

Die Presseabteilung der Stadt Salzburg hat es mir ermöglicht, das Flüchtlings-Notquartier in der alten Autobahnmeisterei zu besuchen, in dem Geflohene aus dem Nahen Osten auf die Weiterreise nach Deutschland warten. Was ich dort gesehen habe? Ruhe, Erschöpfung, geduldig wartende Menschen – und spielende Kinder.

Die Münchner Bundesstraße ist eine Salzburger Hauptverkehrsader, wie es viele andere auch gibt. Durchzugsverkehr, Tankstellen, Obus-Haltestellen, Supermärkte und Zebrastreifen. Wüsste man nicht, dass sich gleich hinter einem unscheinbaren Gittertor eines der größten Flüchtlingslager des Landes befindet, man würde wohl daran vorbeifahren auf dem Weg ins Industriegebiet, zur Autobahn – oder nach Freilassing und damit ins gelobte Land alljener, die hinter dem Gittertor ausharren.

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Etwa 750 Feldbetten wurden in die große Halle der alten Autobahnmeisterei im Stadtteil Liefering gepfercht, stehen dort dicht an dicht und nehmen jeden Tag andere Durchreisende auf. Durch einen Spalt in der Tür sehe ich sichtlich erschöpfte, schlafende Menschen, die in der Weite des Bettenmeers fast untergehen. Das weitläufige Areal mit seinen Industriehallen, Parkplätzen und Backsteinlagerhäusern würde wirken, wie der Schauplatz eines Katastrophenfilms – wären da nicht die Kinder. Ballspielend, lachend und tobend nehmen sie den Vorplatz des Bettenlagers in Beschlag, pusten mir Seifenblasen entgegen und erkundigen sich neugierig nach meiner Kamera – wo ich sie gekauft hätte, was es für ein Modell sei. Die Teenager, die sich unter die Kinderschar mischen, können schon ein paar Brocken Englisch und springen als Übersetzer ein, wenn sich eines der kleineren Kinder nicht artikulieren kann. Vor der Kleiderausgabe hat sich eine Schlange gebildet, in der sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers geduldig für warme Kleidung anstellen. “Viele haben nicht damit gerechnet, dass es in Österreich oder Deutschland so kalt sein würde.”, erklärt man mir. “Manche sind deswegen ganz erstaunt.”

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In der Halle nebenan ist Ahmed am Werk. Er ist einer von unzähligen Freiwilligen, die das Lager in der Autobahnmeisterei und die anderen Flüchtlings-Brennpunkte innerhalb der Stadt zum Funktionieren bringen. Und doch hat Ahmed eine ganz besondere Geschichte. Der Food-Truck-Besitzer aus Manchester erfuhr durch Medienberichte von der Flüchtlingssituation in Salzburg, packte kurzentschlossen seinen Truck voller Lebensmittel und machte sich auf nach Salzburg, um seinen Landsleuten zu helfen – auch er war vor Jahren aus Syrien geflohen und hat in Großbritannien ein neues Zuhause gefunden. In Töpfen so groß wie Badewannen kocht er seitdem drei Mal täglich für fast 1.000 Personen eine warme Mahlzeit. Reis, Linsen, Gemüse, Joghurt – seine Speisen sind immer vegetarisch. Fotografieren lassen will sich der schüchterne, bescheidene Mann nicht. Die Frage, ob er Salzburg nach seinem Freiwilligeneinsatz noch einmal besuchen möchte, bejaht er – aber erst, wenn sich die Flüchtlingsströme gelegt hätten. Und dann mit seiner Frau und seinen Kindern, um ihnen die Stadt zu zeigen.

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Vor der Halle steht Karl Heinz Müller und winkt den spielenden Kindern zu. Er hat sich angewöhnt, die Einwohnerinnen und Einwohner des Notquartiers mit einer Verbeugung zu begrüßen. “Das gehört sich in deren Kultur so, das diktiert die Höflichkeit”, sagt er. Der rüstige Herr aus dem bayerischen Fridolfing leistet seit vier Wochen ununterbrochen Freiwilligendienst, nur zum Schlafen fährt er nach Hause.

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Das ausgeklügelte Registrierungs-System für die neu ankommenden Flüchtlinge, das im Notquartier angewendet wird, hat sich Her Müller ausgedacht. “Jeden Tag gibt es Armbänder in einer anderen Farbe. Heute ist zum Beispiel ein blauer Tag. So sehen wir bereits an der Armbandfarbe, wie lang eine Person schon hier ist.” Jeder Neuankömmling im Notquartier bekommt so ein Armand, auf das zusätzlich ein Buchstabe geschrieben wird. “One letter for peace” nennt Karl Heinz Müller sein System, weil es bei den Flüchtlingen für Ordnung und Orientierung sorgt. Wer ein Armband trägt, weiß, dass er irgendwann an der Reihe sein wird, den Bus nach Deutschland zu besteigen. Jeder Buchstabe des Alphabets – das J ausgenommen – wird dabei 10 Mal vergeben. So entstehen Gruppen von 10 Personen, die sich leichter abfertigen lassen, als ein großer Pulk an Menschen. “Zehnergruppen sind ideal, weil wir so Familienverbände zusammenhalten können. Das ist immens wichtig.”, erklärt Herr Müller. Sind alle Buchstaben des Alphabets zehn Mal vergeben, wird von Neuem begonnen und jeder Buchstabe bekommt einen zusätzlichen Punkt. Beim dritten Durchlauf einen zweiten Punkt, dann einen dritten Punkt und schlussendlich wird der Buchstabe noch eingekreist. “So verwalten wir 250, 500, 750, 1000 Menschen auf die einfachstmögliche Art und Weise.”

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“Wenn ein neuer Bus vom Bahnhof ankommt, versuchen wir immer, die Frauen und Kinder, die Verletzten, Alten und Kranken bevorzugt zu behandeln. Das sorgt oft für Widerstand bei den Männern. Aber, wenn wir ihnen erklären, dass es hier so üblich ist, dass Frauen und Kinder zuerst drankommen, dann akzeptieren sie das auch.” sagt Karl Heinz Müller.

Während unseres Gesprächs schleichen sich immer wieder Kinder an, die um Süßigkeiten, einen Ball oder Seifenblasen bitten. Manche davon geben mir zur Begrüßung ganz höflich die Hand. Sie kichern, trauen sich erst nicht zu fragen oder bemerken erst, als sie den Mund aufmachen, dass die gemeinsame Sprache mit Herrn Müller fehlt. Aber Herr Müller versteht schon was sie wollen. “Wir möchten diesen Menschen eine ruhige, möglichst schöne Zeit bieten, bevor sie weiterreisen. Das ist das Mindeste, was wir tun können.” Und dann fügt er hinzu: “Sieh dir die Kinder an. Das könnten alles meine Enkel sein!”

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Ich bedanke mich ganz herzlich bei Eva vom Presseteam der Stadt Salzburg, die mich fast zwei Stunden lang durch das Notquartier begleitet hat!

Wer sich in Salzburg für Flüchtlinge engagieren möchte, findet auf folgender Webseite eine Übersicht an Möglichkeiten: http://www.salzburg.gv.at/salzburghilft

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