Quo vadis, Gute Güte? Oder: die Sache mit dem Bloggen. Irgendwie ein Rant.

Es spukt ein Gespenst durch die Blogosphäre und wird an immer mehr Adressen manifest: Viele Blogger (m/w)* haben es satt. Viele Blogger sind unzufrieden. Und viele viele Blogger sind an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr weiterwissen. Die Blogosphäre hat sich in den letzten Jahren stark verändert, stark gewandelt. Und massiv professionalisiert. Man liest von Neid, von Missgunst, von Intrigen hinter pastellfarbenen Kulissen, von immer größer werdendem Konkurrenzdruck bei etwas, das eigentlich ein Hobby sein sollte. Von LeserInnen, die zunehmend mehr, aber unsichtbarer werden. Und von Bloggern, die ins Burnout gehen, weil das, was sie machen müssen um gehört zu werden, nicht mehr in einem 24-Stunden-Tag unterzubringen ist. Auch die Gute Güte hat sich im letzten Jahr stark verändert, schaut jetzt professioneller aus, bloggt häufiger, hat viele Leser gewonnen und manche verloren, investiert mehr Zeit denn je in diesen Blog, den du gerade liest. Und steht jetzt auch an einem Punkt, an dem es heißt: Quo vadis? Und davon möchte ich heute etwas erzählen.

 

Sei perfekt, sei relevant, sei täglich neu – oder lass es sein

Blogs spulen zunehmend ein mehr oder weniger authentisches und wiedererkennbares Wohlfühlprogramm ab, das die perfekte Kulisse für werbliche Kooperationen bietet.

Professionalisierung ist die Tugend und die Qual der Blogosphäre. Blogs werden optisch, inhaltlich, strategisch, textlich immer professioneller, sind oft schon generalstabsmäßig durchgetaktet mit Redaktionsplänen und Posts, die auf dem Reißbrett entstehen. Sie liefern verlässlich hochwertige Inhalte mit astreinen Fotos und guten, wenn auch sehr vorhersehbaren Inhalten.  Sie spulen zunehmend ein mehr oder weniger authentisches und wiedererkennbares Wohlfühlprogramm ab, das die perfekte Kulisse für werbliche Kooperationen bietet – denn das scheint es auch zu sein, auf das viele Blogger mittlerweile exklusiv aus zu sein scheinen. Ein gut laufender Lifestyle-Blog wird geführt, wie ein Unternehmen. Marketingplan, Content-Strategie, Zielgruppenanalyse, Werbebudgets und kontinuierliches Themen-Monitoring inklusive. Das ist zwar einerseits eine tolle Sache, da Blogger so zu immer ernstzunehmenderen Medieninhabern werden, die mit immer größeren Personenkreisen auf professionelle Art und Weise kommunizieren. Wer mit diesem hohen Niveau nicht mithalten kann, hat mehr oder weniger Pech gehabt. Und wird schlimmstenfalls ausgelacht. Und das nimmt vielen den Mut und der Blogosphäre ihre Vielfalt. Man hat die Wahl: Entweder man investiert noch mehr Zeit, noch mehr Geld in Ausrüstung und Fortbildung, noch mehr Herzblut in den Blog, oder man versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Du hast keine Profi-Kameraausrüstung? Shame on you. Du veröffentlichst nicht mindestens zwei Beiträge pro Woche? Amateur! Dein Instagram-Account hat kein einheitliches Farbschema?  Das ist so 2013. Du hattest diese Bluse schon bei drei Outfitposts an? Skandal! Und dein Bauch ist für Bikinifotos nicht flach genug? Schäm dich! Der Druck, den gerade junge Mädels im Lifestyle-Bereich zu spüren bekommen (ich bin da mit meinen knapp 30 ja fast schon auf dem Oma-Level) ist von gesund oft weit entfernt – und gibt auch der Leserschaft immer stärker das Gefühl, unzulänglich zu sein. Ich nehme mich da selber gar nicht aus. Wenn ich mir mein eigenes Instagram-Portfolio anschaue, erkenne ich mich selbst oft nicht wieder, so himmelhoch jauchzend strahlt mir mein eigenes Leben dort entgegen. Und ich bin mir sicher, dass es genug User gibt, die meine Posts für bare Münze nehmen, als einen repräsentativen Ausschnitt aus meinem Leben erachten. Und das sollte mir noch mehr zu denken geben, als es das schon tut. Und: Ganz ehrlich: Dieser Blog, dieser Perfektionismus, dieser ständige (freiwillige und unfreiwillige) Vergleich mit anderen, mit der “Konkurrenz” – all das macht müde, sehr sehr müde. Und ich bin mir sicher, dass es den meisten Bloggerinnen und Bloggern da draußen genauso geht.

 

Vorarlberg-8-von-14

Neid, Missgunst und Intrigen

Hinter den Kulissen fließen Blut, Schweiß, Tränen und ganz, ganz viel Hate.

Hat Blogger A einen Wochenendtrip nach Nizza gesponsert bekommen und Blogger B nicht, fließen hinter den Kulissen Blut, Schweiß, Tränen und ganz, ganz viel Hate. Tatsache. Und zwar eine, die der Leserschaft (die nur das Bussi-Bussi-Foto von Blogger A und B vom letzten Champagnerevent kennt) verborgen bleibt. Was mir in Blogger-Gruppen, in Vier-Augen-Gesprächen, bei Stammtischen, auf Events und aus zweiter bis dritter Hand an Neid und Missgunst entgegenschnalzt, das geht auf keine Kuhhaut mehr. Da hört man dann, dass Blogger B Blogger A beim Sponsor angeschwärzt hat um den Deal selber einzustreichen. Oder bewusst Gerüchte streut, um Blogger C (der ja auch gefährlich ist) die Leser abspenstig zu machen. Da wird hinterrücks geschimpft, wie ein Rohrspatz, weil man die Blogger-Auswahl eines Sponsors nicht nachvollziehen kann. Da wird sich über Outfits, Rezepte und Tutorials das Maul zerrissen, dass einem ganz anders wird. Ganz ehrlich: Muss das sein? Das Schöne am Internet ist es doch, dass sich freundliche Vernetzung meistens auszahlt. Und, dass man sich unter Bloggern kaum jemals gegenseitig die Leser wegnimmt. Oder, lieber Leser (m/w): Wenn du einen neuen Blog entdeckst, lässt du den alten, den du seit Langem liest, automatisch und sekündlich links liegen? Na eben. Und überhaupt: Seit wann heißt der wichtigste Menüpunkt in einem Blog eigentlich “PR/Kooperationen”? Blogge ich wirklich wegen dem neuen Mixer, dem Haarföhn oder der Trainingshose, die ich gratis bekommen habe? Ist das wirklich unsere alleinige Daseinsberechtigung?

 

Vom Austausch zum Selbstbedienungsmedium

Es fühlt sich manchmal an, als würde man in einen großen Raum voller Leute hinausschreien, die einem zwar zuhören, aber nicht antworten.

Was ich persönlich außerdem vermisse? Der Austausch auf Blogs geht massiv verloren. Blogs werden – gefühlsmäßig – immer stärker zu Bedienmedien. Man kommt, holt sich ein Rezept, eine Bastelanleitung, eine Hand voll Tipps oder die kurzweilige Lektüre, auf die man aus ist, und schließt das Browserfenster. Einen Kommentar, eine Reaktion, ein “Hallo, das war ich, der das hier gelesen hat” kommt von den wenigsten BesucherInnen. Und diese Entwicklung war in den letzten Monaten rasant. Ein Beispiel? Von den mehr als 2.000 Personen, die meine letzte Salzburgtour gelesen haben, hat keine einzige einen Kommentar hinterlassen. Niemand. Ich weiß nicht, ob das, was ich geschrieben habe, auf Zustimmung stößt, gefallen hat, oder nicht, ob ich maßgebliche Lokale übersehen habe oder ob die Fotoqualität als mangelhaft empfunden wurde. Es fühlt sich manchmal an, als würde man in einen großen Raum voller Leute hinausschreien, die einem zwar zuhören, aber nicht antworten. Man hat dann zwar die Gewissheit, gehört worden zu sein, bekommt aber null Feedback auf das, was man vorgetragen hat. Hätte ich die selbe Tour vor einem halben Jahr gemacht, hätte sie, statistisch gesehen, die Hälfte der Leser gehabt, dafür wäre im Kommentarbereich hitzig diskutiert worden. Und mit meinen Beobachtungen bin ich bei Weitem nicht alleine. Woran liegt das? Ändert sich das Publikum? Haben sich Blogs einfach vom Kaffeeklatsch-unter-Freunden-Stadium ins Magazin-Lektüre-beim-Frisör-Stadium entwickelt? Analog zur Professionalisierung? Haben sich Blogs vom Austausch- zum Berieselungsmedium gewandelt? Wie soll ich darauf reagieren?

 

Vorarlberg-14-von-14

 

Nicht ich bin etwas wert, meine LeserInnen sind es

Der Blick auf die Analytics-Daten, den Fan-Zähler, den Abonnentenpool, die Klickraten wird immer nervöser.

Damit zusammen hängt eine weitere bedenkliche Entwicklung. Wie es einige BloggerInnen nach der Berliner Fashionweek so treffend festgehalten haben: Der Wert eines Bloggers bemisst sich immer stärker in Leserzahlen, Kommentarhäufigkeiten, AbonnentInnen, Fans. Und damit meine ich nicht in den Augen von Kooperationspartnern – sondern in den Augen der Kollegenschaft. Stellt sich im Gespräch heraus, dass das Gegenüber weniger als 1.000 Facebook-Fans hat, wird auf dem Absatz kehrtgemacht und ein “lohnenswerteres” Small Talk-Subjekt ausfindig gemacht. Schließlich spricht man nicht mit solchen Niemanden, die einem nicht weiterhelfen können. Der Blick auf die Analytics-Daten, den Fan-Zähler, den Abonnentenpool, die Klickraten wird immer nervöser. Auch bei mir. Reicht die Menge an Leuten, die man erreicht, damit man als “relevant” gelten darf? Wie kann man noch mehr Leute erreichen? Kann man noch mehr Leute erreichen? Was machen die anderen besser und warum sind meine Inhalte nicht gut genug? Es ist ein Kreislauf von Druck und Gegendruck, von Hoffen und Bangen vom Streben nach unerreichbaren Maßstäben geworden, dieses Bloggen. Und von unglaublicher Angst, nicht mehr mithalten zu können, der Angst vor sinkenden Kurven in Google Analytics und der Angst, unangenehm aus der Reihe zu tanzen. Und dank alldem stellt sich für mich immer mehr….

 

… die Frage nach dem Warum

Ich hab aufgehört, mich zu ärgern.

Ganz ehrlich: Ich investiere einen ungehörigen Teil meiner Freizeit, um ein Teil dieses Zirkus sein zu können. Ach, eigentlich fast meine gesamte Freizeit. Haben tu ich davon immer weniger. Mit sinkenden Kommentarraten, gleichzeitig steigenden Ansprüchen, immer stärkerem Konkurrenzdruck und immer größer werdenden Augenringen sinkt die Motivation. Dazu kommt, dass ich mich auch zunehmend ausgenützt fühle. Ich hab aufgehört zu zählen, wie oft meine Ideen und Inhalte ohne Quellenangabe von anderen Medien übernommen wurden, ich hab aufgehört mich zu ärgern, wenn ich wieder jemanden beraten habe und dafür mit Missachtung gestraft wurde. Ich hab aufgehört zu jammern, wenn mal wieder jemand Fotos von meinem Blog klaut um sie etwa in Immobilienanzeigen zu verwenden und mir die Zeit fehlt, rechtlich dagegen vorzugehen. Ich bin mehr oder minder abgestumpft gegen Aufforderungen, kostenlose Werbung für Unternehmen zu machen, zu denen ich keine Beziehung habe. Ich fühle mich manchmal wie ein Selbstbedienungsladen am Rande des Burnouts. Und ich weiß, dass ich diesen Blog, wie er aktuell vor euch steht und in meiner aktuellen Lebenssituation nicht in dieser Form weiterführen kann. Es geht nicht mehr. Und ich muss mir dafür eine Lösung überlegen. Wie diese aussehen kann, weiß ich noch nicht.

Bis ich meine Lösung, meinen Stein der Weisen, mein Licht am Ende des Tunnels gefunden habe (ok, jetzt dramatisiere ich ein wenig), bleibe ich weiter hier und schreibe, fotografiere, poste und diskutiere in der Gewissheit eines Ablaufdatums. Und freue mich weiter, dass du das hier liest. Weil aus diesem Grund schreibe ich ja letztendlich. Mal mit mehr, mal mit weniger Freude an der Sache.

 

* Selbstverständlich werden beim Ausdruck “Blogger” immer sowohl Damen als auch Herren angesprochen.
You May Also Like