Auf ein Bier mit: Leonhard Pill – Regisseur von “Europe: Wimps?”

Leo Pill ist ja eigentlich Psychologe. Und von denen sagt man ja gemeinhin, dass sie gerne mit Menschen reden. Und das tut der Herr Pill ganz bestimmt. Vom Reden mit Menschen ist es nicht mehr weit dorthin, seinen Gesprächspartnern mitunter auch ein Mikrophon unter die Nase zu halten. Vor allem, wenn man ihnen immer wieder die gleichen Fragen stellt. Und aus solchen Gesprächen und Interviews, die Leo Pill in den letzten Jahren in Salzburg geführt hat, entstand schließlich ein Dokumentarfilm.
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“Europe: Wimps?” stellt Frage nach der Idee Europa. Antwort geben dabei Salzburgerinnen und Salzburger mit internationalem Hintergrund. Und aus diesen Antworten entsteht ein bunter Teppich aus möglichen Blickwinkeln.
Wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet im kleinen, katholischen Salzburg eine Doku über Europa zu drehen, was Couchsurfer und eine Rikscha damit zu tun hatten und warum er dafür ist, dass in Salzburg endlich mehr geblödelt wird, hat mir Leo Pill bei einem Bier verraten.

Hallo Leo. “Europe: Wimps?” – Was soll das eigentlich heißen?
Das heißt übersetzt. “Europa: Knalltüten?”.
Dahinter steckt folgender Gedanke: Es heißt ja so oft in den Medien und in Gesprächen, dass in Europa alles schief läuft, alles nur ums Geld geht und “die in Brüssel” uns alles diktieren. Der Film stellt nun die Frage, ob wir nicht eigentlich in Wahrheit alle nur mehr Warmduscher sind, die da in ihrer “Festung Europa” sitzen und jammern. Das Fragezeichen im Titel ist also ganz wichtig. Jeder hat eine Meinung, eine Idee von Europa. Und dem wollte ich nachgehen.

 

Wie kommt man auf die Idee, darüber einen Dokumentarfilm zu drehen?
Das hat sich eigentlich erst entwickelt. Am Anfang habe ich komplett ohne Konzept gearbeitet, wollte ursprünglich nur den Klang der Stimme und der Sprachen von Couchsurfern auf Tonband aufzeichnen. Die ersten, die ich interviewt habe, waren ein Pärchen, sie aus Schweden, er aus der Slowakei. Irgendwann hab ich die beiden vor eine Kamera gesetzt und, weil es mich immer schon interessiert hat, habe ich sie einfach nach ihrer Meinung zu Europa gefragt. Und dann habe ich recht schnell mal die Idee gehabt: Ach, da machen wir einen Kurzfilm draus. Was ich nicht gewusst habe, war, wie viel Arbeit da dahinter steckt und, dass man doch eine Art Konzept haben sollte, bevor man anfängt.
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Also: Es war am Anfang einfach eine riesengroße Menge an Material, das erst eine Form finden musste.
Genau. Das war eine Riesenmenge an Material. Dadurch, dass ich viel Rikscha gefahren bin in dem Sommer, als ich angefangen habe – das war 2013 – habe ich immer wieder interessante Leute kennengelernt. Und dann hab ich mir gedacht: Sogar in Salzburg kann man einen Film über Europa machen. Ich meine, das ist natürlich auch eine Frage: Ob Salzburg repräsentativ ist, so als Kleinstadt, für ganz Europa oder zumindest Mitteleuropa. Aber schließlich haben wir gemerkt – da sind so viele Kulturen hier! Und damit meine ich nicht nur Touristen. Wir haben fast ausschließlich internationale Leute interviewt, die hier leben. Man muss nur genau hinschauen. Nur zwei unserer Interviewpartner waren Urlauber.

 

Was ist deine Rolle im Film? Präsentierst du auch deine Perspektive oder bist du neutraler Beobachter?
Meine Meinung kommt gar nicht vor. Ich beobachte nur.
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Wenn man dich jetzt, nach den Dreharbeiten so fragen würde: Was ist deine Meinung zu Europa?
Das ist schwierig zu beantworten nach so viel Input. Meine erste Frage im Film ist ja immer: “Was ist für dich der Europagedanke?” Mein Europagedanke ist, dass wir ein ziemlich bunter, zusammengewürfelter Haufen sind, was ich sehr schön finde. Und, dass wir auch wirklich versuchen, uns einheitlich emporzuwurschteln in diesem Europa. Es ist halt wirklich schwierig, gerade in Europa. Wenn man an Brasilien denkt: Brasilien ist so groß wie Europa, aber das sind alles Brasilianer. Die sind dann zwar aus Rio oder aus Sao Paolo oder aus Bahia, aber sie leben alle im gleichen Land. In Europa ist das alles komplizierter. Da hat jeder seine eigene Sprache, seine eigene Geschichte und das macht es sehr komplex. Aber es ist ein schönes Projekt, dieses Europa, in dem man versucht, gemeinsam etwas zu gestalten. Aus idealistischer Sicht.
 

 

 
Nimmst du Salzburg als weltoffene Stadt wahr?
Nicht unbedingt. Ich nehme Salzburg als sehr traditionell und konservativ wahr. Wobei es auf der anderen Seite wieder viele Seiten und Personen gibt, vor allem in der jüngeren Generation und gerade in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die durchhaus sehr weltoffen sind. Vielleicht ist das aber auch nur die Blase, in der ich mich befinde und außerhalb sieht es schon wieder ganz anders aus. Aber grundsätzlich ist in Salzburger der Fokus eher auf das Bewahren gesetzt. Man sieht es schon alleine daran, dass es viele Burschenschaften gibt in Salzburg, die alle ihre großen Häuser haben, ihre Fahnen und ihre Aufzüge. Und, dass dem ein großer Platz eingeräumt wird. Und es gibt auch immer wieder Ausländerfeindlichkeit, das spürt man. Wenn man sich etwa Lehen ansieht, wo ja sehr viele Türken wohnen, die sind da wieder in einer Insel…

 

Also so, dass es sehr wenig Durchmischung gibt mit dem klassischen, gutbürgerlichen Salzburg?
Genau, etwa mit Leuten, die in Parsch oder in Aigen wohnen.
Hast du das Gefühl, dass sich an dieser Grundstimmung etwas ändert?
Ich glaube es ehrlich gesagt nicht. Ich glaube, dass wir, also mein Freundes- und Bekanntenkreis und auch viele Leute von Uni und Mozarteum, da in einer Blase leben. Und gerade diese Leute sind oft nur kurz da, machen etwas und gehen wieder. Das ist oft das Problem in Salzburg, dass viele gute Leute gehen, weil sie resignieren. Es ist nicht viel Platz für alternativer Sachen. Wobei ich aktuell das Gefühl habe, dass doch etwas geht. Aber vielleicht ist das auch nur in unserer kleinen Welt der Fall.
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Kannst du mir fünf Orte in Salzburg nennen, wo man etwas mehr von dieser Weltoffenheit spürt in Salzburg?
Definitv Lehen, das ist mir sehr sympathisch, auch die Elisabethvorstadt. Schallmoos würde ich als Viertel auch dazu zählen. Die Altstadt würde ich jetzt nicht unbedingt  als weltoffen bezeichnen. Natürlich, da ist die ganze Welt unterwegs, viele internationale Leute. Aber die werden durchgeschleust und an denen wird Geld verdient. Der Untersberg, der ist vielleicht auch noch weltoffen. Weil: Am Berg, da ist es ganz wurscht, welche Nation man hat (lacht). Da ist jeder unkompliziert und darf es sein.
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Wie stehst du dann zu diesem Werbeslogan der Stadt Salzburg “Die Bühne der Welt”?
Hm… Die Bühne der Welt für Reiche würde ich vielleicht sagen. Die Festspiele, die kennt man weltweit. Aber wer geht da hin? Das sind schon eher wohlhabende Leute. Allein schon um in Salzburg   zu leben …. Wenn man “Bühne” jetzt auch als Lebensraum betrachtet, dann muss man schon Kohle haben, um hier leben zu können.

 

Hast du konkrete Ideen, wie man das ändern könnte? Oder: Was sind deine Wünsche an Salzburg?
Dass es weniger Repressionen für Chaotisches gibt, sondern, dass alles etwas freier wird. Das wär so mein Wunsch. Freie Straßenmusik wär ein billiges Beispiel. Dass man da nicht so repressiv sagt, nein, du brauchst da eine Genehmigung und dann ist sofort die Polizei da, wenn du einmal etwas machst. Einfach so, dass man die Möglichkeit und das Recht hat, zu Blödeln. Das Blödeln, das ist so wichtig, weil man die Gesellschaft einmal nicht so für voll nimmt. Das heißt jetzt nicht, dass man nur mehr Scheiße macht, sondern, dass man die Gesellschaft hinterfragt. Und wenn da mehr Raum zum Blödeln wär, das wär schon schön. Auf der anderen Seite: Kultur wird schon gefördert in Salzburg, da braucht man wirklich nicht drüber schimpfen. Das ist schon sehr cool. Jetzt auch mit unserem ersten Filmprojekt. Ich war ja nie auf der Uni und hab Film studiert und die haben uns trotzdem gleich gefördert. Das finde ich superstark. Da ist schon auch Platz dafür. Vielleicht wird das gerade mehr.
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Europe: Wimps? Feiert am 14. März 2015 um 19.30 Uhr im Salzburger Mozartkino Premiere und verlässt Österreich anschließend für die Teilnahme an internationalen Filmfestivals. Den Link zur Veranstaltung gibt es hier. Man bittet um Anmeldung unter ophelius@gmx.at. Der Eintritt ist frei!

 

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