Rezension: Männer mit Stil

Die Gute Güte
Es ist ja irgendwie schon so: Wenn man an Mode denkt, schleicht sich sofort Damenmode vor’s geistige Auge. Da gibt es Kleider, Röcke, Handtaschen, Schuhe, Schuhe und Schuhe und zwischendurch auch mal eine Hose. Vielfalt und Auswahl scheinen in Formen und Farben nicht enden zu wollen. Ich muss dazu aber auch sagen: Wenn man ein durchschnittliches Modegeschäft betritt, findet man in 4/5 davon Damenmode und im hintersten, finstersten Fünftel druckst irgendwo die winzige Herrenkollektion herum. Da gibt’s dann Hosen, Leiberl und Pullis und die schauen Jahr für Jahr wieder gleich aus. Liegt’s am Mangel der Möglichkeiten? Am Desinteresse der männlichen Käufer? Ich habe keine Ahnung. Aber vielleicht ein Buch an der Hand, das hierfür Erklärungen liefern könnte.
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Der Midas-Verlag präsentiert nämlich seinen mittlerweile in dritter Auflage erschienenen Band “Männer mit Stil”*. Und genau jeder Band liegt heute auf meinem Rezensionstisch. Eines gleich vorweg: Wer sich von diesem Buch eine Anleitung erwartet, wie sich ein Mann von Welt korrekt, stilvoll und stilsicher kleidet, wird wohl enttäuscht werden. Was das Buch eher will, ist es, Ikonen der Herrengarderobe und deren Ursprung zu präsentieren und schließlich der Frage nachzugehen, wie diese Klassiker die Männermode der Gegenwart beeinflussen. Doch alles der Reihe nach:

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Für Josh Sims sind Mode und Stil so etwas wie ein Gegensatzpaar. Der Damenwelt schreibt er eher die flüchtige Mode zu, die sich per definitionem in ständigem Wandel befindet, der Männermode attestiert er Stil – und dieser, so Josh Sims, sei zeitlos und halte ewig. Zitieren tut er dabei übrigens Domenico Dolce, seines Zeichens die ältere Hälfte von Dolce&Gabbana. Vom Cover des Buches grinsen uns jedoch weder Herr Sims noch Herr Dolce entgegen, dieses ist das Revier von Gregory Peck, der uns kritisch über seine Brillengläser hinweg beäugt.

 

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Was hier auf den ersten Blick aussieht wie ein Stilberater für den Mann von Welt, entpuppt sich beim zweiten Hinsehen eher als Stilgeschichte der Männermode, fragmentiert in einzelne Kleidungsstücke, die von ihrem meist militärischen Ursprung weg bis in die Gegenwart hin verfolgt werden. So erfährt man, dass das heute allgegenwärtige T-Shirt ursprünglich Teil der Navy-Uniform war und dann über Sportler und Motorradfahrer Eingang in die Alltagsgardeorbe gefunden hat. Oder, dass der Parka ein Produkt des Koreakriegs ist.

 

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Die Infos sind dabei zwar kurzweilig, gut zusammengestellt und voller Referenzen auf bekannte Persönlichkeiten, sie bleiben jedoch oft eher oberflächlich. Und: Der Nerd in mir möchte den Herrn Sims und/oder sein Lektoren-Team dringend dazu auffordern, solche Begriffe wie “Olympiade” und “Ikonografie” vor der Verwendung nachzuschlagen. Wer sich tiefgreifender mit der Thematik der Herrenmode (und ihrer schrittweisen Eingliederung in die Damenmode) auseinandersetzen möchte, greife zu Barbara Vinkens “Angezogen”. Wer sich lieber an schön ausgewähltem, illustrierendem Bildwerk erfreuen möchte, der ist bei Herrn Sims allerdings goldrichtig, denn: Bilder auswählen, und mit Trivia zum Angeben im Freundeskreis kombinieren, das kann er. Von den mattgedruckten Seiten schmachten Musiker, Künstler und Leinwandhelden vergangener Jahrezehnte herunter und tragen ikonische Kleidungsstücke zur Schau. David Bowie ist traurig im Parka, James Dean zieht im Blouson einen Schmollmund und Paul Newman gibt den Prototypen des Bluejeans-Cowboys.
Insgesamt also  ein schönes Buch, das zum Blättern am Kaffeetisch einlädt und das man dank der angenehmen Haptik auch gerne in der Hand behält. Aus wissenschaftlichem Interesse würde ich es nicht lesen. Aber das ist wahrscheinlich auch nicht sein Anspruch.

 

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*Rezensionsexemplar

Josh Sims

Männer mit Stil: Ikonen der Herrenmode
Broschiert. 2014
Midas Verlag

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