Rezension: Weniger, aber besser von Dieter Rams. Und ein paar Gedanken zu gutem Design.

Die Gute Güte
Transparenzhinweis: Das genannte Buch wurde mir freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt.
Zugegeben, diesen Post habe ich schon vor Wochen vorbereitet. Also, zumindest den Teil mit den Bildern. Und den Titel. Das Grundgerüst, also. Vor dem Rest, dem Gedankenmachen und dem Schreiben habe ich mich seitdem erfolgreich gedrückt. Aber, seien wir uns ehrlich, irgendwann muss ich ihn wohl schreiben. Also tue ich das jetzt (wer neben mir sitzt wird jetzt hören, wie ich mich ausgiebig räuspere):
Auf meiner Buch-Empfehlungsliste für die Rupertus Buchhandlung steht seit geraumer Zeit das schöne Werk “Weniger, aber besser” von Dieter Rams. Und das, meine geneigten Leser (w/m) ist, sofern ihr es nicht eh wisst und mich jetzt klug und genervt anschaut, ein Standardwerk über Design. Also ein Buch, das beschreibt, was gutes Design ist, wie es aussieht, wie es sich anfühlt und wie man es, im Idealfall, erkennt.
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Wer hier öfter rein schaut, wird außerdem vielleicht wissen, dass ich so einen Schein besitze, auf dem steht, dass ich mal ein Kunstgeschichtestudium erfolgreich absolviert habe. Also sollte man meinen, dass ich mich mit Designdingen so einigermaßen auskennen würde. Zumindest theoretisch. Ähem.

 

Braun, Zitronenpasta, Billets (1 von 26)
Weil: Design gehört ja, neben Architektur, auch zu den Dingen, über die man in den heiligen Hallen der Kunstgeschichte erleuchtet werden sollte. Und trotzdem fühle ich mich oft uuuunglaublich schlecht vorbereitet, wenn ich mal wieder versuche zu erklären, dass die Wohnwand und die Vorhangstange aus dem Möbel-Discounter, die mir unter die Nase gehalten werden, kein gutes Design sind. Auch, wenn betreffendes Möbelhaus vielleicht ein Etikett draufgeklebt hat, das Gegenteiliges behauptet. Dabei macht es einem der Herr Rams doch so einfach, zu argumentieren. Dieser hat nämlich in seinem “Weniger, aber besser” zehn Thesen zum guten Design festgehalten, die ebenso einfach zu verstehen, wie bei der Beurteilung anzuwenden sind. Und über die möchte ich mir heute ein paar Gedanken machen.

Also, in medias res: Dieter Rams war, für alle, die ihn nicht kennen, bis in die späten 90er Jahre Chefdesigner bei Braun und ist einer der wichtigsten lebenden Designtheoretiker. Und zwar einer, bei dem man auch tatsächlich versteht, was er meint. In “Weniger, aber besser” ist, neben einem Konvolut seiner Werke, auch der Designethos des Herrn Rams erklärt. Allem voran seine Zehn Thesen für gutes Design. Einfache Merksätze und Kriterien, anhand derer man abklopfen kann, ob das Ding, das man da in der Hand hat, gut entworfen ist. Diese lauten:

 

  • Gutes Design ist innovativ.
  • Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
  • Gutes Design ist ästhetisch.
  • Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  • Gutes Design ist unaufdringlich.
  • Gutes Design ist ehrlich.
  • Gutes Design ist langlebig.
  • Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  • Gutes Design ist umweltfreundlich.
  • Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.
Was damit genau gemeint ist, wissen das Buch oder diese Webseite.

 

Braun (6 von 7)-2 Braun, Zitronenpasta, Billets (3 von 26)
Kurz zusammengefasst heißt das also: Gutes Design erzeugt einen Gebrauchsgegenstand, der besonders gut und reibungslos funktioniert, dabei besonders selbsterklärend und langlebig ist und nur mit solchen Attributen ausgestattet, die er tatsächlich braucht, was ihn schlicht, unaufdringlich und ästhetisch macht. Oder, um den vielzitierten Grundsatz zu bemühen: “Form follows Function”. Soweit die Theorie. Wie man das Ganze jetzt in der Praxis umsetzt?

 

Braun (4 von 7)
Der Grundsatz der Brauchbarkeit ist für mich ein ganz wesentlicher. Und der beginnt und endet für mich im Detail. Wenn man sich etwa zwei meiner Teetassen zu Gemüte führt, die auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehen, findet man ein wunderbares Beispiel dafür.
Die eine Tasse, im rechten Bild zu sehen, ist ein Flohmarktfund, den ich zusammen mit seinen fünf Geschwistern mit Porzellanmarker mehr oder weniger verschönert habe. Das Modell nebenan ist ein Designerstück von Kaj Franck aus 1952 und läuft beim finnischen Geschirrhersteller Iittala unter dem Seriennamen “Teema“. Beide weiß und geradlinig, beide sehr schlicht und reduziert. Aber: die Flohmarkttasse liegt viel schlechter in der Hand und baumelt viel zu schwer am zu kleinen Henkel, sobald man sie hochhebt. Selbiger Henkel ist auch etwas unorganisch an die Tasse angesetzt und wirkt dadurch ein bisschen plump. Das Material ist weniger hochwertig und splittert – trotz der dicken Tassenwand – relativ leicht. Und: Wer auch immer die Flohmarkttasse entworfen hat, dachte offensichtlich nicht daran, dass Menschen mit Platzproblemen den Wunsch haben könnten, diese zu stapeln. Das geht nämlich nicht ordentlich. Und treibt mich regelmäßig fast zur Weißglut.

 

Teeservice (1 von 10) Teeservice (2 von 10)
Allein schon der Faktor, dass man Teema sein Alter nicht ankennt, sagt zudem schon viel über die ästhetische Langlebigkeit der Serie aus. Beruhen tut diese auf einer konsequenten Reduktion auf die geometrische Grundformen Kegel, Kreis und Quadrat und ist dadurch im besten Sinne nach Rams “so wenig Design, wie möglich” und absolut unaufdringlich in seiner Erscheinung.

 

Teeservice (3 von 10) Teeservice (4 von 10)

 

Wie langlebig manche guten Entwürfe sind, zeigt sich für mich auch immer wieder darin, wie leicht sich gewisse Vintage-Möbelstücke, die ich habe, etwa mit neuen Stücken kombinieren lassen. Das Sideboard im Bild ist beispielsweise ein Entwurf aus der Serie “Royal” von Poul Cadovius aus 1958. Es ist vollkommen reduziert in seiner Formensprache und hochwertig verarbeitet, daher ästhetisch und materiell langlebig, im System extrem flexibel kombinierbar (man kann die Elemente stapeln, nebeneinander stellen, auf Schienen oder an die Wand hängen) und optisch sowohl edel, als auch unaufdringlich.

 

Braun (7 von 7)
Übrigens: Das schöne Stück Hi-Fi oben auf dem Cadovius-Schrank ist ein Originalentwurf von Dieter Rams für Braun. Und gerade bei seinen Entwürfen bewundere ich diese absolute Zeitlosigkeit, die sie ausstrahlen.
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Wirft man einen Blick ins Buch, entdeckt man dort viele vertraute Haushaltsgeräte, die man vielleicht von Mama oder Oma (oder sogar aus der eigenen Küche?) kennt. Das Überraschende daran? Das Alter vieler dieser Designs! Die Küchenmaschine aus dem Bild unten, formell bis zu ihrer geometrischen Essenz reduziert, stammt sage und schreibe aus dem Jahr 1957 und wurde bis in die 90er Jahre optisch fast unverändert hergestellt. Und das macht für mich ein weiteres Kriterium aus, das ich gutem Design ankreiden würde: die Zeitlosigkeit. Und dabei wird auch klar, dass Design, das sich selbst ernst nimmt und sich auf sein Wesen konzentriert, nur wenig mit Mode und Flüchtigkeit zu tun hat, sondern mit bleibenden Werten. Und das sollte man der Vorhangstange vom Möbelsdiskonter mit dem Designaufkleber vielleicht einmal sagen.

 

Braun, Zitronenpasta, Billets (2 von 26) Braun, Zitronenpasta, Billets (4 von 26)

 

Dieter Rams
Weniger, aber besser/Less, but better

Buch in deutscher und englischer Sprache, mit designtheoretischen Ansätzen von Dieter Rams, seinen Entwürfen für Braun und einer kurzen Unternehmensgeschichte.

Kann man hier kaufen, bei der Buchhandlung meines Vertrauens.

 

 

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