Urlaub daheim die Zweite: Attersee. Und Perspektiven für verwaiste Ortskerne. Und Musikfestivals an ungewöhnlichen Plätzen.

Man sagt ja immer, zuhause sei es am schönsten. Für mich liegt dieses Zuhause, also das alte Daheim, das schon vor Salzburg bestanden hat, am Attersee. Sehen tu ich es mittlerweile eher selten, maximal jedes zweite Wochenende, oft aber auch nur einmal im Monat. Obwohl die halbe Stunde Fahrzeit von Salzburg aus eigentlich ein Katzensprung wäre. In diesen seltenen Fällen, wenn ich mich ins Auto setze und hinein ins Salzkammergut brause, werden dann die Eltern besucht oder meine beste Freundin, die mittlerweile wieder in ihrem (unserem?) Heimatdorf wohnt. Gerade im Sommer zieht es mich an den Wochenenden doch oft wieder an den See. Und so habe ich es heuer endlich wieder einmal geschafft, ein paar Kurzurlaubstage am Attersee zu verbringen. Und wie jedes Jahr habe ich mir dabei das Gleiche gedacht: schön ist es hier. Und ausgestorben.

 

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Der Attersee gehörte jahrzehntelang zu den größten Tourismusgebieten des Landes. Bis er es plötzlich nicht mehr tat. In den Dorfzentren, die ich als Kind noch mit Greißlereien, Bäckereien, Fleischhauern und Wirtshäusern gefüllt erleben durfte, herrscht heute oft gespenstische Ruhe. Viele Gebäude stehen leer, haben blinde Fenster und verbarrikadierte Türen. Die Bäckerei und Milchbar, in der ich als Volksschulkind noch Mohnflesserl gekauft habe, hat heute große Risse im Mauerwerk und verfällt zusehends. Der Fremdenverkehr beschränkt sich am See nun, im Wesentlichen, auf wenige Wochen im Jahr, beginnt im Juni oder Juli und endet im August. Ist das Wetter schlecht, wie es heuer war, bleiben die Gäste oft aus oder reisen früher ab. Und auch die vielen Zweitwohnungsbesitzer aus Wien oder Linz, die um den See ihre Privatdomizile unterhalten, haben bei Schlechtwetter wenig Lust, zu bleiben. Gastronomie kann sich bei diesen Voraussetzungen kaum halten. Irgendwann habe ich aufgehört mitzuzählen, wie oft der Pächter in dem großen, freskierten Haus in der Mitte des Ortes in den letzten Jahren gewechselt hat.

 

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Dieser Zustand rührt viele und motiviert dazu, sich für den Heimatort zu engagieren, etwas zu bewirken. Aber: dass auch das leidenschaftlichste Engagement dabei oft im Frust endet, habe ich oft erlebt. Ob das am Geldmangel liegt, an engstirnigem Kirchturmdenken, an amtlichen Barrieren oder an fehlenden Strukturen sei dahingestellt. Und doch gibt es Beispiele, die zeigen, dass es manchmal funktioniert. Die beweisen, wie viel das Engagement und die Vision einiger Weniger in einem kleinen Ort bewirken können. Und dann hat ein Ort plötzlich wieder Perspektiven. Wie diese in Attersee am Attersee aussehen, möchte ich hier erzählen.

Es ist ein Kreuz mit diesem Wetter. Und den quantitativ heterogenen Menschenmassen, die es mit sich bringt. Regnet es, ist es Winter oder Fußball im Fernsehen, hört man das sprichwörtliche Gras wachsen. Kaum wagt sich aber die Sonne hinter den Wolken hervor, kriechen plötzlich aus allen Winkeln Leute und stürzen sich wie die Heuschrecken auf die wenige Gastronomie, die es gibt. Dann sitzt man im Gastgarten der örtlichen Mostschenke halt übereinander. Und es geht sich trotzdem immer noch aus, dass jeder sein Schmalzbrot und sein Bier kriegt.

 

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Die Mostschenke Kaltenböck in Palmsdorf am Attersee ist ein wunderschönes Beispiel dafür, dass sich auch hier die Gastronomie noch länger als ein halbes Jahr halten kann. Dort ist alles so gut, echt, regional und hausgemacht (sogar das Bauernbrot und das Bier aus der kleinen Hausbrauerei), dass es schon fast kitschig wirkt. Und dort weiden die Einheimischen friedlich neben den Wiener Nobeltouristen und alles verstehen sich plötzlich blendend. Wenn’s nur überall so wäre, wie auf diesen paar Quadratmetern heile Welt, man hätte schon wieder viel mehr Hoffnung für die Wiederbelebung dieses kleinen Fleckchen Erdes, von dem auch ich vor mittlerweile neun langen Jahren ausgewandert bin.

 

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So gesehen bin ich eigentlich Mitschuld an der eher wenig erfreulichen Entwicklung, die mein Heimatort in den letzten Jahren durchlebt. Die kleinen, privaten Geschäfte sperren zu, die Jungen wandern zum Studieren oder Arbeiten in die Städte ab und kommen nicht wieder und die Leerstandsruinen im Ortszentrum, die keiner (renovieren) will oder kaufen kann, verfallen mit jedem Jahr ein wenig mehr. Aber, dass das einmal ausgewanderte Studentenvolk wenig Anreiz hat, auf Dauer zurückzukehren, ist auch zu verstehen. Die Region ist nicht gerade reich an Arbeitsplätzen für Akademiker (abgesehen von Lehrern, gewissen Technikern und medizinischen Berufen) und ich selber hätte wenig Ahnung, wo ich als Kultur-/Wirtschafts-/Werbungs-Fuzzi hier am See ernstzunehmend arbeiten könnte. Aber das ist hier wohl nicht anders, als in anderen ländlichen Gebieten.

 

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Und doch schafft dieser Tausend-Seelen-Ort, was in größeren Städten oft vergebens angestrebt wird. Jedes Jahr im Sommer weht ein kleiner Hauch mondäner Urbanität durch das Nest am See. Und beweist, welch große Wellen persönliches Engagement schlagen kann, wie sehr eine Idee einen Ort optisch und ideell verändern kann.

 

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Das Projekt “Perspektiven Attersee” hat es sich zum Ziel gemacht, den Ortskern mit seinen vielen leerstehenden Geschäftslokalen den Sommer über künstlerisch zu beleben. Bereits zum vierten Mal wurden heuer leere Schaufenster bespielt, Künstlerateliers und Designer-Showrooms eingerichtet und die Dorfstraßen mit zeitgenössischem Theater und performativen Interventionen belebt.

 

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Und was man dort, in der alten Fleischhauerei, dem Kaufladen, in dem ich als Kind noch Schulhefte gekauft habe und den ehemals blinden Schaufenstern gezeigt wurde, hätte man in einem, tschuldigung, Kaff wie Attersee nie vermutet. Salzburg, bitte schneide dir hiervon eine Scheibe ab.

 

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Dort konnte man in Pop-Up-Stores Mode von jungen Designern kaufen, mit der jungen einheimischen Künstlerszene in Boho-Wohnzimmeratmosphäre über deren Arbeiten diskutieren, künstlerisch-integrative Projekte bestaunen oder Performances beiwohnen.

 

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Was in größeren Städten immer wieder versucht wird, Leerstand einer künstlerischen Nutzung zuzuführen, junge Künstler zu fördern und zeitgenössische Kultur mitten im Zentrum des kommunalen Lebens  zu platzieren, funktioniert in kleinen, dörflichen Strukturen, wie hier am Attersee offensichtlich ganz großartig.

 

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Zu verdanken ist dieses Projekt der Privatinitative zweier einheimischer Künstler: Fotografin Edith Maul-Röder und Architekt Franz Maul, die auch die Intendanz des Festivals inne haben, zeigen, auf welch erstaunlich organische Art und Weise sich anspruchsvolle zeitgenössische Kulturproduktion und dörfliche Strukturen verbinden lassen.

 

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Eine Veranstaltung wie die “Perspektiven” gibt einem kleinen Ort plötzlich und wenn auch nur für begrenzte Zeit, etwas, dessen Fehlen eine jüngst veröffentlichte Studie zum “Wirtschaftsfaktor See” in Österreich, dem Attersee Länge mal Breite attestiert: ein klar definiertes Profil. Zwar keines, das touristisch besonders mehrheitsfähig wäre, aber eines, das Esprit hat, Anspruch und Sinn. Und das an eine künstlerische Vergangenheit anknüpft, die in nostalgischer Klimt-Beschwörerei (Klimt war am Attersee auf Sommerfrische, sei hier angemerkt. Ja, der mit dem “Kuss”.) und oft verkitscht aus den touristischen Schubladen gekramt wird, sobald es irgendwie passt.

 

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Hoffnung macht auch, dass sich abseits des Sees und weiter im Landesinneren ebenfalls innovative Kräfte rühren, die es sich auf die Fahnen heften, die junge Kultur im Bezirk Vöcklabruck zu reanimieren. Da findet sich einerseits der schon recht etablierte Verein Unterton, bei dem etwa FM4-unterstützte Elektro-Parties als Defibrillator für verschlafene Dörfer fungieren. Und andererseits der Verein Young&Culture Vöcklabruck, der das (seit einer infamosen Shoppingcenter-Eröffnung) ebenso halbtote Stadtzentrum von Vöcklabruck zu neuem Leben erwecken will.

 

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Auch hier schmeisst man innovative, urban anmutende Musikfestivals als Weckruf. Kommendes Wochenende etwa geht das zweitägige Sonograph-Festival über die Vöcklabrucker Bühne, das Musikschaffende mit fancy klingenden Namen und deren enthusiastische Zuhörer in die ehemalige Geburtenstation des einstigen Landeskrankenhauses holt. Klingt genauso großartig, wie es bestimmt ist. Karten gibt es übrigens hier. Man erscheine bitte zahlreich und in Partylaune.

 

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Worüber ich jetzt noch überhaupt nichts geschrieben habe? Darüber, wie schön es bei uns eigentlich ist.

 

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Der Attersee hat, egal wie gut oder schlecht, wie engagiert oder verzweifelt seine Begleitumstände sein mögen, einen Charme, der sich für mich mit keinem anderen Salzkammergutsee messen kann.

 

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Vom türkisblau schimmernden Wasser, das man hier noch in Ruhe und an unverbauten Ufern genießen kann über die nahen Berge, die gerade so hoch sind, das selbst ich noch mit überschaubarer Anstrengung hinaufkraxeln kann, bis zu den vielen kleinen vertrauten Fleckchen und Örtchen, die nach Kindheit duften.

 

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Es bleibt zu hoffen, dass sich nicht nur temporär, sondern auch irgendwann dauerhaft etwas tut. Der Leerstand sich füllt, auch der Tourismus neue Perspektiven findet, die “Auswanderer” zurückkehren.

 

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Und wer weiß, vielleicht ziehe ich je selbst irgendwann mal zurück an den See.

 

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Und fühl mich dann nicht hier als Touristin, sondern in Salzburg.

 

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