Rezension: “Die Kunst der Bausünde”. Und eine kleine Stadtexkursion

Transparenzhinweis: Das genannte Buch wurde mir freundlicherweise von der Salzburger Rupertus Buchhandlung zur Verfügung gestellt.
Ich habe ja die große Freude, eine jener Bloggerinnen zu sein, die in den nächsten Monaten auf www.rupertusbuch.at (für alle Nicht-SalzburgerInnen: die Rupertus Buchhandlung ist eine ganz besonders alteingesessene, ganz besonders engagierte und ganz besonders tolle Salzburger Buchhandlung) virtuelle Bücherregale befüllen dürfen. Mein Thema dabei ist die Kategorie Sach- und Kochbuch. Und genau in diesem Bereich habe ich für den Monat Juli bereits vier Bücher ausgewählt, die ich in meinem virtuellen Regal präsentiere.
Eines dieser Bücher ist das wunderbar skurrile “Die Kunst der Bausünde” von Turit Fröbe. Und das habe ich mir unter den Arm geklemmt und bin damit eine Runde durch die Stadt gegurkt. Was ich dabei gesehen habe und was mir dabei eingefallen ist, erzähle ich hier.

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Ja. Salzburg ist nicht nur pastellfarbene Altstadt. Und nein: dieses Foto ist nicht von 1974, sondern von 2014. Mhm, ernsthaft.

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In einer Stadt, die teilweise UNESCO-Weltkulturerbe ist und in der nicht nur das Bundesdenkmalamt über den Erhalt und die Pflege der historischen Bausubstanz wacht, sondern auch eine Altstadtkommission, ist es naturgemäß schwer, Bausünden zu finden, die so richtig in den Augen wehtun. Aber sobald man sich etwas von der Altstadt entfernt, findet man sie schon, die seltsamen, skurrilen, interessanten, (unangenehm) auffälligen Bauten. Oder Bau-Versatzstücke. Nur: Was klassifiziert diese Gebäude als Bausünden?
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Drive-In zum Seelenheil.
Fragen wir mal Frau Fröbe. Die positioniert sich ja als Fürsprecherin der deutschen Bausünde, die sie zu Unrecht als “hässlich” oder “architektonische Katastrophe” denunziert sieht. Viel eher seien diese Bauten aus der Mode gekommen, durch nachträglich angebrachte Anbauten, Überformungen oder Anstriche entstanden oder von Haus aus schlichte Fehlplanungen gewesen. Klingt schon mal einleuchtend.
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Jedenfalls ist eine Bausünde etwas, an dem man sich in ästhetischer Hinsicht irgendwie stößt. Weil es als Störfaktor in einem Ensemble empfunden wird oder als gigantisches Rufzeichen unter lauter Punkten steht. Solche Gebäude, die konsequent darauf verzichten, mit ihrer Umgebung Bezug aufzunehmen und als stolzer Fremdkörper im städtebaulichen Ensemble thronen. Das sind Bausünden. Nur: Macht dieser Status einen Bau automatisch schlecht?
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Turmlandschaft mit mehreren Drähten nach oben.
Eine Kategorie, die Turit Fröbe nämlich einführt, ist jene der “guten Bausünde”, die durch ihren Einfallsreichtum und ihren architektonischen Mut ins Auge sticht und sich aus dem Meer der ewig gleichen Bauten abhebt. Solche Bausünden bekommen Spitznamen, entfachen Diskussion, regen zur Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum an. Die schlechten Bausünden sind, so Fröbe, hingegen jene, die zwar hässlich sind, aber gleichzeitig so banal, dass sie übersehen werden. Obwohl sie eigentlich allgegenwärtig sind – gebaute belanglose und gesichtslose Lieblosigkeit.
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Nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben?
Demnach – wo finden wir in Salzburg gute Bausünden? In diese Kategorie fällt für mich das ikonische Lichthaus in der Elisabethvorstadt, nahe der Lehener Brücke. Wobei – warum erkläre ich eigentlich, wo es steht? Diesen Brocken Architektur kennt hier wirklich jeder.
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Das Lichthaus. Ich sehe es mir gerne an – diese überplastische, übergroße, übermonumentale Legebatterie aus nicht mehr ganz zeitgemäßem Wohnbau und Leerstand. Zwölf Stockwerke Charakter, gebaut zwischen 1973-1975 und im hochhaus-scheuen Salzburg eines der höchsten Gebäude.
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Und es steht gleich neben einem weiteren Bau, den man in den Bereich der guten Bausünde rücken könnte, dem Heizkraftwerk Salzburg Mitte, (beinahe) ausgezeichnet mit dem Landesarchitekturpreis und für mich ein bunterleuchteter nächtlicher Quell der Freude, der mit seinen ruhigen, klaren Linien so unaufdringlich ist, dass er trotz Monumentalität einen harmonischen Übergang zur Altstadt schafft. Mit seinem hohen, kirchturmartigen Schlot ist es quasi eine Kathedrale der Energie. Oder ein Bunker, wie es weniger freundlich gesinnte Zeitgenossen immer wieder bezeichnen. Seit seiner Erbauung 2002 fungiert es immer wieder medialer Zankapfel und wurde wiederholt zum Politikum. Und schuf so genau das, was die gute Bausünde laut Turit Fröbe auszeichnet: einen Diskurs über Städtebau. Danke, Bausünde!
Aber noch kurz zurück zum Buch: “Die Kunst der Bausünde” ist eine wunderbar unterhaltsame Streitschrift zum Städtebau, die mit viel Humor Bausünden aus allen Ecken Deutschlands zusammenträgt und kommentiert und gleichzeitig für mehr Mut und Freude im Städtebau plädiert. Lesenswert, anschauenswert und ein schönes Buch, das man immer wieder gern für einen kleinen semi-intellektuellen Schmunzler zur Hand nehmen möchte.
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Turit Fröbe

Die Kunst der Bausünde

Quadriga 2013
ISBN 978-3-86995-053-2
Kann man zum Beispiel hier bestellen. Oder direkt in der Rupertbusbuchhandlung erstehen.

 

 

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