READING

Ein Denkmal für die Zivilgesellschaft. Marko Lulić...

Ein Denkmal für die Zivilgesellschaft. Marko Lulić, Hemma Schmutz und das Lentos #illyartdiscovery 4

* Werbung/bezahlte Einschaltung: In freundlicher Zusammenarbeit mit Illy

Marko Lulić ist, laut eigener Aussage, ein „Pfuscher“. Und ein in mehrfacher Hinsicht denkwürdiger obendrein. Der Wiener Künstler beschäftigt sich seit Beginn seiner Karriere mit den Themen Skulptur und Installation, Video, Schrift, dem öffentlichen Raum und seit einigen Jahren auch mit Tanz – jedoch, um es allgemein zu formulieren, meist unter „Vorbelastung“. In seinen Arbeiten verfremdet, verformt oder interpretiert er häufig bereits Dagewesenes, Werke anderer Künstler und im Speziellen Denkmäler. „Schlampige Kopien“ oder „Coverversionen“ nennt er seine schockbunten, oft monumentalen Arbeiten, die Utopie und Moderne ebenso behandeln, wie das Thema Repräsentation in verschiedenen politischen Kontexten. Doch, was sich hier etwas sperrig anhört, ist tatsächlich ein vielschichtiges, augenzwinkerndes Vergnügen.


Das Lentos Kunstmuseum Linz widmet Marko Lulić aktuell einen Mid Career-Survey, die ein Resümee aus den letzten knapp drei Jahrzehnten von Lulićs Schaffen zieht. Dies habe ich mir zum Anlass genommen, dem Lentos eine Stippvisite abzustatten, gemeinsam mit der vierten Ausgabe der #illyartdiscovery, die mich regelmäßig auf den Spuren von Kunst- und Kaffeegenuss quer durch Österreich führt. Illy ist seit vielen Jahren in der internationalen Kunstszene aktiv, eng mit der internationalen Kunstwelt verbunden und unterstützt dabei etwa Veranstaltungen wie die Biennale von Venedig.  Die #illyartdiscovery ist dabei kein zeitlich oder räumlich abgeschlossenes Projekt: Es soll sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln und regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen einiger exemplarischer Beispiele aus der Kunstlandschaft bieten.

Mein Besuch im Lentos hatte neben der Lulić-Retrospektive jedoch noch einen anderen Grund: Das Lentos freut sich seit gut zwei Monaten über eine neue Direktorin – Hemma Schmutz übernahm nach Stationen in Wien, Salzburg und Klagenfurt die Leitung des renommierten Hauses. Ich durfte der neu ernannten Direktorin einige Fragen stellen – zur Sammlung des Lentos, zum Stellenwert Marko Lulićs in der internationalen Kunstszene und zur Notwendigkeit von Denkmälern.

Vom Künstler, der alles darf

Ein Aspekt am Oeuvre Lulićs, der besonders ins Auge springt, ist dessen Lust an der augenzwinkernden Selbstaneignung fremder künstlerischer Positionen. So „betanzt“ er etwa jugoslawische Partisanendenkmäler oder verfremdet bewusst Altbekanntes. Darf man das denn, mehr oder weniger respektlos mit den Werken anderer zu verfahren, etwa auch im Kontext der Kunstvermittlung? „Der Künstler darf ohnehin alles machen“, sagt Hemma Schmutz, „und in der Vermittlung nähert man sich dem entsprechend an. Das Interessante ist, dass die Kunstwerke durch diese Strategien ihre Bedeutung verändern“, erfahren wir.

Die Lulić-Schau ist die erste Ausstellung, die unter Schmutz im Lentos eröffnet wurde. Im großen Saal des Hauses wird rund ein Mal im Jahr eine österreichische Position gezeigt. „Die ist natürlich extrem beliebt auch bei den Künstlerinnen und Künstlern, weil es ihnen einen großen Schub an Aufmerksamkeit gibt“, erklärt Hemma Schmutz die Attraktivität der Ausstellungsfläche. „Bei jeder Programmierung muss man sich überlegen: Gibt es ein interessantes Werk, gibt es gerade eine besondere Dringlichkeit, warum man etwas ausstellt? Bei Lulic finde ich den Aspekt des Performativen und des Tanzes sehr spannend und auch sehr aktuell, weil Performance international gerade einen großen Hype erfährt – wenn man etwa an den deutschen Pavillon in Venedig denkt.“

Die Dringlichkeit des Denkmals

Besonders eindringlich sind dabei Lulićs Interpretationen aber auch Neuanschaffungen von Denkmälern, die, so der Künstler anderweitig, als Teil der „Stadtmöblierung“ oft Gefahr laufen würden, von Passanten nicht mehr ausreichend mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Ist das Prinzip des Denkmals im öffentlichen Raum damit überholt? Braucht unsere Gesellschaft noch Denkmäler? „Unbedingt“, mein Hemma Schmutz. „Besonders dort, wo es Wunden gibt und unbearbeitete Problemstellungen in der Geschichte. Man sieht immer wieder, dass Denkmäler an solchen Orten eine irre Bedeutung erhalten und auch wirklich benötigt werden, weil sie etwa eine semi-religiöse Funktion einnehmen, eine Funktion des Gedenkens, der Rituale, wo man regelmäßig hinkommt, wo bestimmte Dinge passieren.“

Muss das Denkmal in der Gegenwart also schlicht neu definiert werden? „Natürlich“, sagt Schmutz, „Und das ist etwas, das laufend passiert. Ich denke jetzt etwa an ein Denkmal, das Lulić selbst im öffentlichen Raum verwirklicht hat, am Mexikoplatz in Wien, wo er in großen Metalllettern die Zahl 99,73%  angebracht hat – nämlich jene Zahl an Menschen, die für den Anschluss gestimmt haben.“ Das Denkmal am Mexikoplatz ist damit eines, das sich dem Betrachter nicht auf Anhieb erschließt, das einen Impuls zur Interpretation, zur näheren Auseinandersetzung gibt. „Der Betrachter überlegt dann ‚wirklich, sind da wirklich alle dafür gewesen? Wie wäre das heute?‘ und das macht es, wie ich finde, zu einem sehr guten Denkmal. Und die andere Sache ist der Aufstellungsort selber, weil Mexiko das einzige Land war, das sich verwehrt hat gegen die Annexion von Österreich an das Deutsche Reich.“, ergänzt Hemma Schmutz.

Ein Museum, das den Linzer*innen gehört

Als neue Direktorin übernimmt Hemma Schmutz die Zügel von Stella Rollig, die nicht nur durch den von ihr kuratierten Raum zum Thema Geister noch im Hause gegenwärtig ist. „Es gibt verschiedene Personen, die das Museum sehr geprägt haben, die verschiedenen Direktoren haben natürlich ihre Spuren hier hinterlassen.“, sagt Schmutz. „Es ist ein großes Erbe, das es hier zu verwalten gilt und wo man auch in Ruhe und über einen längeren Zeitraum überlegen muss, wie man es gut in die Zukunft bringen kann.“

Die Sammlung des Lentos ist dabei eine, die einen großen Bogen spannt vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis hinein in die Gegenwart. Ist dies ein Aspekt, der die neue Direktorin besonders gereizt hat? „Die Sammlung des Lentos startet nach der Aufklärung im 19. Jahrhundert, also in der Zeit, in der auch Bürger begonnen haben, sich verstärkt mit Kunst zu beschäftigen und Kunst zu kaufen. Die Motive – Biedermeier kennt man ja – sind auch typisch bürgerliche. Und wenn man den Schritt ins Heute macht, erkennt man, dass die Sammlung nicht unbedingt die Kunst repräsentiert, die man einfach vorgesetzt bekommt, etwa vom Staat oder von der Kirche, sondern das ist die Kunst, die die Zivilgesellschaft im besten Fall selbst will. Und das ist auch etwas, was mein Wunsch wäre: Dass dieses Museum hier in Linz auch als etwas angesehen wird, das den Linzerinnen und Linzern gehört. Etwas, auf das sie stolz sind.“

MARKO LULIĆ
Futurology
30. Juni bis 10. September 2017
Lentos Kunstmuseum Linz


RELATED POST

  1. Uta

    13 August

    ich mag überhaupt keinen kaffee, aber ich bin illy sehr dankbar, dass sie dich immer wieder auf solche ausflüge schicken (und dir natürlich, dass wir das lesen dürfen) 🙂

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

INSTAGRAM
DIE GUTE GÜTE AUF INSTAGRAM