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Bio vs. regional vs. saisonal: die Schlacht der großen Drei und: Aus Bauernhand mit Ja! Natürlich

Wenn man darüber nachdenkt, ist unser Lebensmittel-Einkaufsverhalten eigentlich absurd. Man könnte 52 Wochen im Jahr in 9 österreichischen Bundesländern in den Supermarkt gehen und würde dort zu jeder Morgen- oder Abendzeit, kurz nach Geschäftsöffnung oder knapp vor Ladenschluss die praktisch gleichen Lebensmittel einkaufen. Perfekt runde, rote Tomaten im Jänner, Februar, März, Juli, September und Dezember, pralle Zucchini, rotbackige Äpfel, Schütten voller Avocados und Plastikkörbchen voll frischer Beeren, auch, wenn draußen schon Schnee liegt. Diese ganzjährige Verfügbarkeit von eigentlich völlig asaisonalen Lebensmitteln, der Überschuss an billigem Flugobst und exotischem „Superfood“ hat einen simplen Grund: der Konsument verlangt danach und, wenn’s der Konsument will, wird’s möglich gemacht.

Er will nicht akzeptieren, dass der März nicht das unbedingt optimale Monat zum Genuss von Tomaten-Mozzarella-Salat ist, dass Weihnachtsmänner aus Erdbeeren eigentlich keine recht erstrebenswerte Sache sind, oder, dass ein mittelamerikanisches Obst kein besonders schlüssiges Grundnahrungsmittel für Mitteleuropäer ist (auch, wenn es auf Instagram-Toast so toll aussieht). Er will drei Minuten vor Ladenschluss noch die volle Auswahl an frischen Backwaren, makellose Karotten, Kürbis im März, Äpfel ohne Druckstellen und das alles ohne Wenn und Aber. Mit unserem allgemeinen Konsumverhalten und unserer Erwartungshaltung haben wir wohl ein Monster erschaffen, dem es an Bewusstsein fehlt: Bewusstsein für die logische, an Naturgesetze gebundene Verfügbarkeit von Lebensmitteln, Bewusstsein für Saisonalität und damit verbunden auch: Bewusstsein für Qualität, denn: Wer einmal den Unterschied kennt zwischen einem August-Paradeiser und einer Februar-Tomate, der sollte letztere wohl eher nicht mehr kaufen wollen.

Warum ich mich zu diesem Thema so umfangreich auslasse? Ich durfte vor ein paar Wochen eine Veranstaltung aus der Ja! Natürlich-Serie „Aus Bauernhand“ besuchen, die einzelne Produzenten der Biomarke vor den Vorhang holt, ihre Produkte und deren Herstellung erlebbar macht und genau jenes Bewusstsein schaffen will für regionale, saisonale Lebensmittel und deren Wertschätzung. Verschlagen hat es mich dabei ins Burgenland, genauer gesagt in den Seewinkel und auf den Hof der Familie Peck. Die baut seit fast 25 Jahren in der sonnenreichsten Region Österreichs Biogemüse an und ist unter anderem für die seit Kurzem im Ja! Natürlich-Sortiment erhältlichen Zucchiniblüten verantwortlich. Diese Zucchiniblüten durften wir im Rahmen eines von Bio-Frühstückspensions-Köchin Anna Abermann kreierten Brunchs im Kuhstall auch verkosten – und nebenbei einer hochkarätig besetzen Diskussion lauschen. Simone Rongitsch, Initiatorin vom Wiener Urban Gardening Projekt „Karls Garten“, Kulinarik-Journalistin Katharina Seiser, Josef Peck, Geschäftsführer des Seewinkler Sonnengemüses, Daniela Auer, Eigentümerin von Bio-Gartenbau Auer und Andreas Steidl, der Leiter des Qualitätsmanagements von Ja! Natürlich diskutierten über die Begriffe „Bio“, „Saisonal“ und „Regional“ sowie die „Grenzen der Regionalität“.

Doch bevor ich mich den eigentlichen Inhalten der genannten Diskussion widme, muss ich noch einen kleinen Umweg einlegen – einen, bei dem wir noch kurz darüber reden sollten, wie die Begriffe „Bio“, „Saisonal“ und „Regional“ eigentlich zueinander stehen. Beim Biobegriff tut man sich im Reigen der Drei wohl noch am leichtesten, denn: Was bio ist, das bestimmt, wie es auch das Biorama in diesem lesenswerten Artikel schreibt, die EU. Auch im saisonalen Bereich tut man sich noch halbwegs leicht, schließlich geht es hier schlicht um Erntezeiten, der Saisonkalender gibt Auskunft und die üblichen Spargel- oder Kürbis-Hypezeiten versorgen den Konsumenten mit einer Art inneren Uhr, wann er möglichst was zu essen hat. Doch: Ist dies Sache mit der Saisonalität wirklich so einfach? Schließlich lässt sich hier schon in vielfacher Hinsicht nachhelfen – mit beheizten Glashäusern etwa, oder künstlich belichteten Pflanzen, damit diese früher Früchte tragen, als es der österreichische Jahreslauf eigentlich zuließe.

Und wie sieht es nun mit dem Regionalitätsbegriff aus? Wie weit wird diese berühmte „Region“ gefasst? Wie viele Kilometer Radius verträgt der Regionalitätsgedanke und sind für mich als Salzburg-Bewohnerin Zucchini aus dem Burgenland etwa überhaupt noch regional? Erschwerend kommt beim Regionalitätskriterium hinzu, dass der möglichst kurze geografische Abstand zum Produktionsort nicht zwingend für den kleinsten ökologischen Fußabdruck sorgt. Oder: Auch im Nachbardorf können Gurken zu Tode gedüngt werden und ein gewisser Düngemittel-, Pestizid- und Fungizid-Einsatz wiegt gemeinsam mit der Energiebilanz von künstlich beleuchteten und temperierten Glashäusern oder einer langen klimatisierten Lagerung oft schwerer als eine im Vergleich weitere Transportstrecke. Und: Auch, wenn ich meine Radieschen am Bauernmarkt im Nachbardorf kaufe, nützt es meiner Ökobilanz nix, wenn ich die 15 Kilometer lange Anreise dorthin mit dem PKW absolviere – und bei der Heimfahrt vielleicht noch 20 Minuten Umweg einlege, um auch meine Butter, Eier und Nudeln bei drei verschiedenen Hofläden in der Region separat einzukaufen. Auch, wenn es die emotionale Logik hier nicht zulässt, könnte in solchen Fällen die generaloptimierte Logistik von Supermarktbio oder Bio-Versanddiensten grüner aussehen, als die Hoflädentour in den Nachbarorten.

Eine vertrackte Sache ist das also mit dem bio-saisonalen Regionalitätsdschungel. Was sagen demnach die ExpertInnen in der Diskussionsrunde dazu?

Andreas Steidl befindet etwa, dass dass Regionalität ein Bestandteil von Bio sei, schließlich sei „die Region bezeichnend für die klimatischen Voraussetzungen, für den Boden, für den Menschen und alles weitere, das man braucht um Bio herzustellen“. Und er fügt hinzu: „im Herbst ist beispielsweise Sizilien ideal für Zucchini. Die wachsen prächtig, ohne dass man beheizen muss. Somit haben wir auch im Herbst hervorragende Zucchini, obwohl die österreichischen Bauern nicht mehr liefern können.“ Josef Peck ergänzt den Regionalitätsgedanken um das Kriterium der Qualität und Reife des Produkts: „Wenn man Produkte von irgendwo ganz weit weg anliefern und sie dementsprechend unreif ernten muss, dann hört für mich die Regionalität auf.“

Die letztgültige Entscheidung, was wann und wo gekauft wird, trifft jedoch immer noch der Konsument selbst und zieht somit immer wieder von Neuem seine persönliche Grenze. Und von seinem Selbstverständnis und Kaufverhalten wird es schlussendlich abhängen, ob es sie auf ewig geben wird, die Februar-Tomate im Mühlviertler Supermarktregal.

*Disclaimer: Ich wurde auf die Veranstaltung „Aus Bauernhand“ von Ja! Natürlich kosten- und bedingungslos eingeladen. Zur Marke Ja! Natürlich befinde ich mich zudem in einem Naheverhältnis, da ich seit knapp 2 Jahren für das Ja! Natürlich-Magazin „Küchengeschichten“ schreibe. Dieser Artikel entstand dennoch auf freiwilliger Basis und wurde nicht von Ja! Natürlich in Auftrag gegeben.

 


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  1. Liebe Caro,
    danke fürs Dabeisein und fürs Teilen deiner Eindrücke hier am Blog!
    Liebe Grüße, Lisa & das Ja! Natürlich Team

  2. Danke für den aufschlußreichen Artikel. Da sind viele Gedanken die mich auch umtreiben beim Einkauf. Aber wenn z. B. In D der Begriff regional auf einen 250 km Radius ausgelegt wird ist es schon etwas eigenartig angelegt das Ganze. Aber letztlich würde der Konsument gerne entscheiden aber leider ist der saisonal und regional orientierte Konsument in der Obst und Gemüseabteilung immer noch eine Minderheit und ergo entscheidet der Handel doch an ihm vorbei weil er Umsatztechnisch nicht relevant genug ist.
    Und nicht jeder hat die Möglichkeit für ein regionales Gemüseabo. Selbst hier auf dem Land wo es wenige Gemüsebauern km Umkreis gibt, keinen Wochenmarkt vor Ort muss man leider auf den Handel zurückgreifen und da bleibt nur kaufen was es gibt oder lassen. Ich lass es dann oft einfach und Bau an was eben geht. Im TV kriegt man dann vorgerechnet, dass manches aus der Ferne ökologisch besser sein kann als was aus der Nähe. Konsument zu sein ist auch kein leichtes Geschäft.
    Viele Grüße aus Nordhessen
    Ralf

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