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Auf Bühnen-Wochenende in Wien mit Schikaneder – das Musical*

Letztes Wochenende gab es für die Ginger und mich eine große Portion Nostalgie. Und zwar auf verschiedenen Ebenen. Warum? Da muss ich ein wenig ausholen.

Jeder von euch Damen und Herren da draußen, der und die ihre oder seine formativen Jahre an einer österreichischen Provinzschule verbracht hat, war wahrscheinlich in der vierten „Haupt“ oder „Gym“ auf Wienwoche. Fünf Tage Zechnkas im Hostel-Stockbett, Stephansdom-Führungen, Haus des Meeres, Schönbrunn und ORF und der entnervte Lehrkörper hatte wohl rückblickend diverse Mühen damit, ein Rudel Pubertierende in der Hauptstadt vor Gröberem zu bewahren. Als Krönung des Ausflugs zwischen Landesgeschichte und Hormonstau ging es jedenfalls für die ganze Klasse ins Musical. Und wenn man in Wien eine solche Richtung ansteuert, landete und landet man zielstrebig im Raimund Theater.

Genau in jenes hat es auch die Ginger und mich verschlagen, als wir uns vergangenen Samstag in Richtung Wien bewegten. Auf Einladung der Vereinigten Bühnen Wien hatten wir nämlich die Ehre und das Vergnügen, uns das jüngste Projekt im Repertoire des Musical-Hauses zu Gemüte zu führen. Dieses heißt Schikaneder, handelt natürlich (wir haben ja schließlich alle im Musikunterricht aufgepasst, goi?) vom Textdichter der Zauberflöte und begleitet diesen und die charmante Frau an seiner Seite durch die Wirrungen des Lebens, der Inspiration und der Liebe.

Was im Zuge dessen auf die weltbedeutenden Bretter des Raimund Theaters gebracht wird, durften wir uns dabei aber nicht nur vom Zuschauerraum aus ansehen, sondern auch hinter der Bühne ein wenig stierln. Ich sage nur: Kulissen, Maske, Perücken, Technik und natürlich: Kostüme.

Unser Reiseleiter durch die Traumwelt des Musicals war dabei Sebastian, Billeteur, Theaterführer und Bühnenmensch vom Scheitel bis zur Sohle, der uns mit solcher Inbrunst von der Geschichte des Hauses und der Entwicklung von Schikaneder erzählte, dass ihn die Ginger und ich am liebsten adoptiert hätten. Wir fordern: Eine Gehaltserhöhung für Sebastian, den wohl engagiertesten Mitarbeiter, den das Raimund Theater je haben wird!

Mit ihm schlichen wir in trauter Dreiergruppe erst durch die rotsamtenen Foyers des ehrwürdigen Hauses, um uns dann erst flugs in den Zuschauerraum und dann direkt auf jene Bretter zu bewegen, die gemeinhin die Welt bedeuten. Aus der Nähe und Ferne betrachten durften wir dort das Bühnenbild im Aufbau – und dessen Optik und technische Umsetzung hat uns nachhaltig beeindruckt. Angelegt ist das Bühnenbild nämlich im Stile einer barocken Guckkastenbühne, deren konstruktive Elemente bewusst sichtbar bleiben – ein Theater im Theater quasi, das sich die Bühnenbilder hier einfallen haben lassen. Ganz wie ihr Vorbild hat die Schikaneder-Bühne dabei perspektivisch gestaffelte und verschiebbare Kulissen samt Prospekt, die je nach Szene in die Bühne wandern oder entfernt werden und damit das „Knochengerüst“ der Bühne freigeben. Verstärkt wird dieser Effekt durch die immer dynamische Drehbühne, die den Bühnenaufbau von allen Seiten bewundern lässt. Dem Umstand, dass eine derartige Bühnenkostruktion als Kulisse für „Schikaneder“ gewählt wurde, kommt natürlich nicht von ungefähr: Die Geschichte um Emanuel und Eleonore Schikaneder ist schließlich im späten 18. Jahrhundert angesiedelt und handelt von zwei leidenschaftlichen Theaterleuten, Schauspielern und Dramatikern, die die Wiener Theaterlandschaft der späten 1700er-Jahre maßgeblich prägten. Der Arbeit und dem Einsatz Emanuel Schikaneders verdanken die Vereinigten Bühnen Wien zudem eine ihrer Spielstätten: das Theater an der Wien, in dem auch die Zauberflöte uraufgeführt wurde.

Ebenso historisch inspiriert sind die Kostüme, die Schikaneder und seine Kumpanen schmücken: Mieder und Reifröcke, Fracks und Kniebundhosen, Westen und Schnallen, wohlondulierte Lockenperücken und zierliche Tanzschuhe reihen sich in der Kostümabteilung Glied an Glied und lassen kurz aufseufzen, weil man jedes einzelne Kleid am liebsten selber anprobiert hätte.

Aber: An den Mitgliedern des vielköpfigen Ensembles von „Schikaneder“ sehen die kleidsamen Kostüme ohnehin viel besser aus – davon durften wir uns im Zuge der abendliche Vorstellung überzeugen. Die verworrene Liebesgeschichte um den untreuen Weiberhelden Emanuel Schikaneder und die ihren Mann stehende Schauspielerin Eleonore ist mitreißend inszeniert und erinnert teils eher an eine Operette, denn an ein ein klassisches Musical. Durchwoben wird selbiges vielerorts mit Mozartzitaten, die Besserinformierte im Publikum immer wieder wissend schmunzeln lassen.

Zum Abschied verriet uns Theaterführer Sebastian übrigens, dass der „echte“, also der historische Schikaneder wohl der gleiche Frauenheld gewesen wäre, wie jener auf der Bühne, allerdings war er im Gegensatz zum Bühnenadonis „eher klein und dick“. Und das „gibt doch noch etwas Hoffnung für den Rest der Welt“, mein Sebastian.

Schikaneder – Die turbulente Liebesgeschichte hinter der Zauberflöte
Raimund Theater Wien
Noch bis zum 21.6.2017

* In freundlicher Zusammenarbeit mit den Vereinigten Bühnen Wien. Herzlichen Dank dafür!


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