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Ariodante, oder: Ich gebe zu, ein Barockmusik-Junk...

Ariodante, oder: Ich gebe zu, ein Barockmusik-Junkie zu sein.

Titelbild (c) Monika Rittershaus

Ein Geständnis: Ich gehöre zu den (leider!) wenigen Menschen in meiner Generation, die wirklich gerne klassische Musik hören. Und: Noch dazu auch wirklich gerne in die Oper gehen. Nicht wegen der Ausführung der neuesten Abendgarderobe, wegen dem Schickheits-Faktor, weil man sich als besonders intellektuell präsentieren möchte, oder weil man vorher oder nachher meist nett essen gehen darf, sondern tatsächlich wegen dem, was da oben auf der Bühne und da unten im Orchestergraben passiert. There, I said it.

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass ich klassische und vor allem alte Musik (das ist Zeug, dass vor 1750 geschrieben wurde) so gerne höre oder warum es, im Umkehrschluss, meinen Generationsgenossen (m/w) oft eher gegenteilig geht – vielleicht liegt es daran, dass ich in einem sehr klassik- und kulturaffinen Haushalt aufgewachsen bin, oder daran, dass ich mehr als ein Jahrzehnt Musikschulunterricht auf dem Buckel habe. Oder vielleicht bin ich akustisch einfach anders gepolt. Mit Sicherheit sagen kann ich nur, dass ich es oft sehr schade finde, dass meine Begeisterungsversuche für Händel, Bach, Corelli (von mir aus auch Mozart) und Co bei Gleichaltrigen zu 95% auf taube Ohren stoßen. Das Zeug sei einfach zu anstrengend, kommt da oft als Begründung. Oder zu lang. Oder zu verstaubt. Oder nur etwas für alte Leute. Und wenn ich dann noch ein bisserl nachbohre, kommt meist ans Tageslicht, dass meine Bekehrungs-Opfer oft nicht einmal persönliche Erfahrung mit den Dingen haben, die sie da aus Prinzip ablehnen.

Ok, ich gebe zu, es gibt viel Zeug da draußen, das auch mir grundsätzlich am Allerwertesten vorbei geht. Fußball zum Beispiel, oder Poetry Slams, oder Hip Hop-Konzerte. Und genau deswegen, weil es mich immer ein wenig deprimiert, dass ich meine Barockmusik-Euphorie mit kaum jemandem teilen kann, hab ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mir jene Dinge, denen ich selber eher ablehnend gegenüberstehe, zumindest ein mal persönlich anzuschauen. Damit meine Ablehnung dann zumindest halbwegs informiert ist. Und ab und an ist dann sogar ein gewisser Bekehrungseffekt eingetreten oder das Verständnis für die Sache ist zumindest ein wenig gewachsen.

Warum ich das hier so umfangreich ausbreite? Lasst uns mal kurz über die Salzburger Festspiele reden. Als Person mit Hang zu Klassik und darstellender Kunst ist es logischerweise eine feine Sache, genau in jeder Stadt zu wohnen, die das weltweit wohl bedeutendste Festival für ebenjene Dinge beherbergt. Da kommen jeden Sommer, jedes Oster- und Pfingstwochenende die hochkarätigsten Bühnenkünstler der Welt in die unmittelbare Nachbarschaft und man ist nur einen Steinwurf von jenen Spielstätten entfernt, an denen sie ihre Kunst unters Volk bringen. Man möchte meinen, dass die Festspiele damit (auch) einen gewissen Nahversorger-Charakter hätten, aber – weit gefehlt. Denn auch gegenüber den Festspielen wird man in meiner Generation mit einem ganzen Batzen an Vorurteilen konfrontiert. In einem Satz zusammengefasst: Elitäres Alte Leute-Festival mit viel zu anstrengenden Dingen zu unleistbaren Preisen. Was davon stimmt? Meinen Erfahrungen zufolge: nix.

Aber lasst uns die Sache mal im Detail aufdröseln:

1. Die Festspiele sind elitär!

Wer schon einmal auch nur einen halben Fuß hinter die Kulissen der Festspiele gesetzt hat, der dürfte wissen, dass die Damen und Herren, die da hinter dem Vorhang für den nahtlosen Kunstgenuss sorgen, im besten Sinne des Wortes ganz normale Menschen sind. Da gibt es Tischlerinnen, Schneider, Elektriker, Haustechnikerinnen, Klofrauen, Billeteure, PR-ler, Beleuchterinnen, Tontechniker oder Garderobieren und so ziemlich jeder, mit dem ich bisher geredet habe, macht seinen oder ihren Job gern. Und: Auch das Publikum besteht zu einem geringeren Teil aus Glanz und Gloria, als gemeinhin kolportiert. Da trifft man vom ehemaligen Deutschlehrer bis hin zum Studentenpärchen so ziemlich alles, was sich für klassische Musik interessiert.

2. Das ist nur was für alte Leute!

Ok, zugegeben: Als Person U-30 drückt man den Altersschnitt in den Festspielhäusern schon ein wenig. Aber: Das Vorurteil, dass sich keine Menschen diesseits der 50 in Festspielaufführungen verirren, ist schnell widerlegt. Einerseits entdeckt man durchaus jüngere Gesichter in den Sitzreihen, andererseits fühlt man sich gerade als jugendlichere Person vom Restpublikum meist recht positiv wahrgenommen und kommt mit den Sitznachbarn – über vermeintliche Alters- und Einkommensgrenzen hinweg – oft sehr einfach ins Gespräch. Und wie immer gilt: Vorbehalte abzulegen ist meistens eine gute Idee! Übrigens: Für Personen U26 gibt es ein Ticketkontingent zu reduzierten Preisen.

3. Da gibt es nur sündhaft teure Karten!

Auch, wenn die Karten für Opernproduktionen in den vorderen Kategorien oft wirklich das Preiszetterl eines Kurzurlaubs umgehängt haben, gibt es für jede Vorstellung auch budgetfreundliche Tickets. Stehplätze und Sitze in den hinteren Opernrängen erhalten Personen mit kleineren Geldtascherln auch schon im 20 €-Bereich. Die großen Opernproduktionen sind dabei – schon allein ob ihres schieren Umfangs – verständlicherweise teurer, Liederabende, Orchesterkonzerte, Lesungen und Theater günstiger für die werten Zuhörer und Rinnen. Da korreliert eine Festspielkarte preislich ungefähr mit einem IMAX-Ticket. Pop-Konzerte sind oft teurer!

4. Da muss ich doch in Galarobe auflaufen!

Nachdem ich besuchertechnisch mittlerweile schon ein paar Festspielsaisonen auf dem Buckel habe, muss ich sagen: Es gibt im Publikum nix, was es nicht gibt, so, outfittechnisch. Da gibt es die Old Ladies mit Glitzer und Massivdekolletés, die immer sehr neutralen Anzugträger, die Dirndl-Mafia, den Prototyp Philosophiestudent mit Cordjacke und immer wieder auch Zeitgenossen in Jeans. Ich selber zieh mir meist ein bequemes Kleid fürs Sitzfleisch und ein paar Ballerinas fürs Vom-Balkon-Gucken in den Pausen an. Und war damit meistens recht gut im kleidungstechnischen Durchschnitt unterwegs.

3. Das ist so anstrengend!

Gerade dieses Argument finde ich immer besonders schade, weil: Klassik, alte Musik, Theater und Co sind zu vielfältig, um sie ohne irgendeine Auseinandersetzung über einen Kamm zu scheren. Gerade im szenischen Bereich sind Aufführungen oft in vielfacher Hinsicht sowohl unterhaltsame als auch bereichernde Angelegenheiten und Festspiel-Inszenierungen geraten oft zum veritablen Spektakel (Explosionen! Durch den Toscanini-Hof rollende Panzer! Umfallende Häuser! Legionen von Balletttänzern! Überraschende Auf- und Abtritte!). Außerdem: Alleine das Flair eines Festspielabends in lauen Salzburger Sommernächten ist schon ein Genuss für sich. Und: Wer zaghaft ist, der muss sich auch nicht unbedingt gleich zum Einstieg eine 5-Stunden-Oper gönnen.

Was ist jetzt mit Ariodante?

Zu welchem Anlass ich das hier überhaupt schreibe? Ich hatte im Rahmen der Pfingstfestspiele das große Vergnügen, Pressetickets für die Festspielproduktion von Ariodante zu ergattern. Ariodante ist eine Oper von Georg Friedrich Händel, seines Zeichens mein persönlicher Lieblingskomponist und Urheber eines umfangreichen Opernrepertoires, das man, wenn man so will, in der Kategorie „anstrengend“ in verschiedene Schubladen schieben kann. Ariodante liegt mit rund 4 Stunden Aufführungsdauer wohl eher im Bereich „gutes Sitzfleisch“, wird durch eine mehr als abwechslungsreiche Inszenierung und ein über jeden Zweifel erhabenes Ensemble jedoch zur ziemlich kurzweiligen Angelegenheit. Worum es geht? Ariodante beruht auf der gleichen literarischen Grundlage Ariosts, die auch den Bodensatz von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ bildet: Der Held Ariodante verliebt sich in die schottische Prinzessin Ginevra, die dessen Liebe erwidert. Der König und Vater willigt in die Vermählung der beiden ein, sehr zum Ärger des Nebenbuhlers Polinesso, der Frau und Krone ebenso lüstern gegenübersteht. Also inszeniert Polinesso gemeinsam mit Ginevras Kammerzofe Dalinda die vermeitliche Untreue der Prinzessin – eine Falle in die Ariodante blindlings tappt und Ginevra ebenso verstößt, wie es deren Vater tut. Es folgen Selbstmord, Duell, Depression, Aufklärung und Versöhnung sowie ein strahlendes Happy End, wie es auch Shakespeare kennt. Ariodante selbst ist dabei in modernen Inszenierungen meist eine Hosenrolle – also ein eigentlich männlicher Charakter, der von einer Sängerin verkörpert wird. Der Salzburger Ariodante, gewohnt brillant zum Leben erweckt durch Cecilia Bartoli, gerät dabei zu einem Wandel quer durch die Geschlechterrollen und über Geschlechtergrenzen hinweg. Tritt Ariodante im ersten Akt noch viril und bärtig, mit Rüstung und Schwert auf die Bühne, verwandelt er sich vom zweiten Akt an zunehmend in eine Frau – ein Wandel, der sich wie selbstverständlich in den Fortlauf der Handlung fügt und durch die Mündung in einer quasi gleichgeschlechtlichen Ehe, aktuelle gesellschaftliche Relevanz in einen eigentlich barocken Schinken bringt.

Titelbild und Szenenfotos: (c) Monika Rittershaus

Wer nun Lust drauf hat, sich persönliche von der Qualität des Festspiel-Ariodante zu überzeugen, hat im Festspielsommer 2017 noch einmal die Chance. Wer keine Karten mehr ergattert, kann außerdem darauf hoffen, dass Ariodante auch seinen Weg ins Programm der diesjährigen Fest>Spiel>Nächte findet. Dieses wird Mitte des Monats präsentiert.

Herzlichen Dank an die Salzburger Festspiele für das zur Verfügung gestellte Presseticket! Die kundgetane Meinung ist jedoch meine eigene.


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  1. i.maria

    20 Juni

    Vielen Dank für deinen tollen Post! Ich konnte früher auch nichts mit klassischer Musik anfangen, durch meinen Mann bin ich aber mittlerweile zu einem „Klassik-Fan“ geworden. Ich bin zwar glaub ich ein bissl älter wie du, senke das Durschnittsalter bei klassischen Konzerten aber ebenfalls deutlich 🙂 Barock mag ich auch besonders gern, weil diese Musik irgendwie immer zu meiner Stimmung passt. Manche „neuere“ Musik, wie etwa Mahler, kann manchmal auch anstrengend sein.

    Kennst du das Barock-Fest der Salzburger Bachgesellschaft? Das war heuer am 11. Juni im Domquartier und war wirklich wunderschön. Kann ich einem Barock-Fan wärmstens empfehlen; ich glaube es wird nächstes Jahr wieder stattfinden.

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